Alzkatastrophe

Version vom 31. 10.. 2012 (am 4. 4. erstellt und mehrmals überarbeitet)

In der Nacht des 6. März 2012 bis zum Morgen des 7. März wurde durch das Werk Gendorf (Fa. Clariant, Fa. InfraServ) die seit weit über 30 Jahren schlimm-ste ökologische Katastrophe in einem Fluss in der weiteren Umgebung ausgelöst; die aquatische Flora und Fauna in der Alz wurde unterhalb des Werkes bis zum Inn auf ca. 15 km Länge fast völlig vernichtet; allein 6,5 t Fischkadaver wurden abgesammelt. Glücklicherweise forderte der Unfall keine Personenschäden.

Grund war eine Kette von missachteten Warnungen und Fehlhandlungen; mit der Abwasserführung verknüpfte Lösch- und Kühlwassersysteme wurden in damals zu kleine Rückhaltebecken geleitet; dies scheint inzwischen (20. 4.) relativ gut aufgeklärt, allerdings nur zu einem kleinen Teil durch eine offene Informationspolitik des Werkes Gendorf.

Am problematischsten erscheint uns derzeit, dass sich diese Katastrophe trotz vielfältiger Warnungen ereignete:
* Bürger hatten Auffälligkeiten gemeldet,
* Messapparaturen zeigten vor und nach dem Brand teils über längere Zeit (Stunden) massiv (zehnfach) überhöhte Werte an,
* gebrannt hatte die Produktionsstätte einer bekanntermaßen sehr fischgiftigen Substanz - Genamin, ein Fettamin - durch deren Emission am 9. 3. 1983 schon einmal eine vielleicht nicht ganz so große Alzkatastrophe ausgelöst wurde.
All das hatte aber keine Konsequenzen.

Hier versuchen wir diese ökologische Katastrophe zu beschreiben. Wir stellen zusammen, was dazu bekannt geworden ist, versuchen diese Angaben durch Rückfragen beim Werk Gendorf, dem Landrats- und Wasserwirtschaftsamt, der Staatsanwaltschaft zu verifizieren.

Wesentlich ist die Erkenntnis auch der Verantwortlichen, dass sich Unfälle die-ser Art prinzipiell nicht völlig ausschließen lassen. Um dennoch eine weitere, diesbezüglich nachhaltige Produktion im Werk Gendorf zu ermöglichen, muss die Widerstandsfestigkeit (Resilienz) der Alz deutlich erhöht werden. Als Hauptforderungen ergeben sich deshalb:
* Die schnellstmögliche Revitalisierung der Alz auf den Zustand vor der Katastrophe (Besatzmaßnahmen etc.), für die InfraServ aufkommt.
* Eine weitestgehende Renaturierung, um die Resilienz der Alz zu verbessern; hierzu hat InfraServ einen substantiellen Beitrag versprochen.

Im technischen Bereich müssen die Sicherheitsanlagen und Prozeduren über-prüft und an den besten Stand der Technik angepasst werden.
Vor allem aber muss über personelle/organisatorische Maßnahmen sicher ge-stellt werden, dass Warnhinweise, dass Überschreitungen von Höchstwerten etc. auch Konsequenzen haben.

Etwa sieben Monate nach der Katastrophe hat sich der Zustand der Alz (Wasserkörper, Flora und Fauna) deutlich verbessert:
* Geringe immer noch messbare Fettaminspuren im Sediment könnten durch Messunsicherheiten bzw. durch natürliche Fettamine bedingt sein.
* Die Flora hat sich wieder weitgehend entwickelt.
* Die aquatische Kleinfauna unterscheidet sich nicht mehr stark von dem Zustand vor der Katastrophe.
* Es wurden alle Fischarten wieder gefunden, die auch vor der Katastrophe vorhanden waren.

Eine solche Katastrophe darf sich nicht zum dritten Mal ereignen!

Inhaltsverzeichnis                                                                   Seitenzahl

Abkürzungen.. 2

1. Alzkatastrophen.. 3

1.1 Alzkatastrophe 2012. 3

1.2 Alzkatastrophe 1983, PFOA.. 4

1.3 Auffälligkeiten (6. 3. 2012 vor der Katastrophe) 5

2. Fettamin „Genamin LA 302 D“ 5

3. Auswirkungen auf (aquatische) Fauna und Flora. 6

4. Auswirkungen auf das Wasser 7

5. Kommunikation, Verantwortung. 8

6. Forderungen an WG, Behörden (Revitalisierung, Renaturierung) 9

6.1 Eine vollständige und möglichst schnelle Revitalisierung der Alz. 9

6.2 Eine Stärkung der Resilienz der Alz. 9

6.3 Technische und organisatorische Verbesserungen                                          10

7. Anhänge zu den Kapiteln 1 – 7. 11

7.1.1 Zeitlicher Ablauf 11

7.2 Einzelheiten zum Kühl- und Abwassersystem.. 15

7.3 Alz. 15

7.4 Wasser 17

7.7 Forderungen an das WG.. 18

8. Quellen.. 18

Abkürzungen

ANA   = Alt-Neuöttinger Anzeiger (Lokalzeitung)
      = Altötting
BN                  = Bund Naturschutz in Bayern
LRA    = Landratsamt (meist Altötting)
TS                  = Traunstein
WWA  = Wasserwirtschaftsamt (meist Traunstein)
WG     = Werk Gendorf

1. Alzkatastrophen

1.1 Alzkatastrophe 2012

In der Nacht des 6. zum 7. 3. 2012 brannte es in einem Betrieb der Fa. Clariant (Bau 609), Werk Gendorf, in dem Fettamin (siehe Kap. 2) produziert wird; der Brand wurde zwar sehr schnell gelöscht [1]; allerdings gelangten unbemerkt einige hundert kg äußerst fischtoxisches Fettamin in die Alz. Dadurch wurde die aquatische Fauna (Fische, Kleintiere) und Flora (Grünalgen, …) auf den folgenden 15 Flusskilometern bis zum Einlauf in den Inn fast vollständig vernichtet.
Der zeitliche Ablauf war aufgrund der anfangs vorliegenden Informationen (Werk Gendorf (WG), Landratsamt (LRA)) nur sehr lückenhaft bekannt; erst mit einem Artikel in dem Alt-Neuöttinger Anzeiger (ANA) vom 18. 4. erscheinen wesentliche Punkte in einem klareren und in wichtigen Teilen neuen Licht. Detailliert wird der Ablauf in Kapitel 7.1.1 gelistet, inklusive der verschiedenen Erklärungen von LRA, WG, der verschiedenen Treffen der interessierten Gruppen und der Aktivitäten der Kreisgruppe des Bund Naturschutz (BN).

Wichtig erscheinen uns derzeit vor allem folgende Punkte:
* Generell scheinen Warnungen vor allem durch vorhandene Warnsysteme aber auch durch Hinweise von Bürgern nicht oder nicht genügend beachtet worden zu sein: Das gilt für
** Warnungen vor dem Brand (am 6. 3. Mittags, siehe Kap. 1.3), bei dem auf die unüblich großen Schaummengen in der Alz bei der Einleitestelle hingewiesen wurde. Dies kommt zwar anscheinend relativ häufig vor, Maßnahmen dies abzustellen führten aber im weiteren Verlauf des Unglücks zu problematischen Situationen. Z.B. waren wichtige Schieber, die verschmutzte Abwässer in Rückhaltebecken leiten können, so verstellt, dass sie nur noch händisch und mit unerwartet großem Zeitaufwand (!!!) zu ändern waren.
** mehrere Warnungen wegen zu hoher Drücke und Temperaturen in einem Abgaswäscher vor dem Brand (am 6. 3. abends).
** mehrere Warnungen bezüglich stark erhöhter Kohlenstoffkonzentrationen im Abwasser in die Alz in der Nacht des 7. 3., teils über Stunden.
(Wir sind anfangs davon ausgegangen, dass die entsprechenden Messapparate die Verschmutzungen mit dem auf Wasser aufschwimmenden Genamin gar nicht messen konnten; nun ist aber klar, dass die Apparate funktionierten, deren Warnungen, die gemessenen teils massiven Überschreitungen der Höchstwerte über längere Zeiträume aber von niemand ernst genommen wurden!)
* Die Kapazität der Rückhaltebecken scheint so gering zu sein, dass schon wenige Stunden Aufnahme des „Regen- und Kühlwassers“ aus einem Werksteil diese füllen, auch ohne jeden Regen! Schon nach wenigen Stunden muss die Produktion abgestellt werden, was natürlich jedem Unternehmen weh tut und nach Alternativen suchen lässt.
* Der Brand hat im Produktionsbereich einer stark fischtoxischen Substanz stattgefunden.
* Genau diese Substanz hat schon einmal (1983) zu einem katastrophalen Fischsterben geführt hat.
All dies hat anscheinend nicht zu besonderer Aufmerksamkeit geführt.


1.2 Alzkatastrophe 1983, PFOA

Am 9. 3. 1983 wurde schon einmal durch ca. 200 kg Fettamin eine Alzkatastrophe ausgelöst: Es wurden damals mehrere tausend tote Fische gefunden und entsorgt (2 t Fischkadaver). Bei einem normalen betrieblichen Vorgang (Umpumpen von Fettamin) wurde nicht erkannt, dass noch Fettamin im Pumpsystem war; es wurde in die biologische Kläranlage gepumpt und hat diese für einige Zeit gestört, so dass die Klärwirkung für die Werksabwässer empfindlich reduziert war und zu der damaligen Vergiftung geführt hat. Von den hier genannten Zahlen erscheint die damalige Vergiftung weniger katastrophal (2 t Fischkadaver damals gegenüber 6.5 t heute, 200 kg Fettamin 1983 gegenüber < 800 bzw. < 550 kg 2012); ob diese Reihung stimmt, ist heute vielleicht nicht mehr zu klären.

Unklar dabei ist u.a. auch, wie hier die generell von Fischern beklagte Abnahme der Fischzahl über die letzten Jahrzehnte in der Alz zu bewerten ist, in beiden Fällen wurden wohl – gleiche Jahreszeit – auch viele zum Laichen vom Inn in die Alz eingewanderte Fische getötet.

Wahrscheinlich wird damit aber das heutige Unglück zum größten Unfall, was die Wasserfauna betrifft, seit weit über 30 Jahren. Im WG und beim LRA sind zu diesem Unfall Unterlagen vorhanden, etwa Untersuchungen in der Alz etc. [2]. LRA und WWA konnten die entsprechenden Dokumente noch nicht aufarbeiten („Brisanz der Katastrophe“, Treff vom 24. 4.), möchten dies aber nachholen, wenn Zeit und Gründe dafür da sind [3].

Die BN-Kreisgruppe Altötting hatte 1983 anlässlich dieses Unglücks einen Briefwechsel mit dem Bayer. Landesamt für Wasserwirtschaft in München. U.a. hat der BN auch auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Kriminalpolizei hingewiesen, ohne dass uns derzeit dazu Ergebnisse vorliegen; ein Brief an den Staatsanwalt vom Ende Mai wurde vorerst ohne weitere Information beantwortet.

Ende 2009 wurden PFOA-Verschmutzungen im Wasser und anderen Kompartimenten entdeckt. Sie stammten nicht aus einem Unfall sondern aus der normalen Produktion, ihre Emissionen waren den Behörden bekannt. Im darauf folgenden Jahr hat Fa. Dyneon diese Chemikalie durch weniger problematische Chemikalien ersetzt. Mehr siehe auf der BN-Webseite, Themen, Wasser, PFT-Problem im LK AÖ (bitte anklicken).

Häufung der Wasserprobleme an der Alz: Ein wichtiger Grund dafür, dass sich die Wasserprobleme gerade beim WG und der Alz häufen, besteht in der geringen Restwassermenge [4] in der Alz von oft nur ca. 5 m3/sec anstelle der möglichen mindestens zehnfachen Wassermenge. Daraus resultiert ein geringer Verdünnungsfaktor, der in den beiden Alzkatastrophen zu gering war..

1.3 Auffälligkeiten (6. 3. 2012 vor der Katastrophe)

Aktivitäten an der Alzeinleitung des WG am 6. 3., 9:30 Uhr: An diesem Morgen bemerkten Personen, die fast täglich vorbeifahren, ungewöhnliche Aktivitäten von Werksangehörigen an der Alzeinleitung.
Schaumbildung an Alzeinleitung am 6. 3., 11:57 Uhr: Ein Bürger machte am 6. 3. mittags Bilder von starker Schaumbildung und verständigte umgehend das WG; auch einige Tage danach war wieder stärkere Schaumbildung sichtbar. Bei der ersten Kurzbesprechung, zu der Infraserv uns anlässlich der Übergabe unserer Pressemitteilung am 13. 3. abends („1 Woche Alzkatastrophe“) eingeladen hatte, wurde diese Schaumbildung als immer wieder und auch bei gesetzlich erlaubten Emissionen auftretend und ohne Zusammenhang mit der Fettaminvergiftung erklärt. In Anbetracht der Produktionspalette von Waschmittelrohstoffen könnte das plausibel sein. 
Nach Angaben des WG (30. 3., Besuch MdL Dr. Magerl) wurde an diesem Tag aufgrund der Schaumbildung ein Teil des Abwassers der Kläranlage in die Rückhaltebecken geleitet, um durch Verdünnungseffekte das Aufschäumen zu verringern; dadurch waren die Schieberstellungen in einer Position, die die spätere Schließung beim Brandereignis verzögerte [5].

2. Fettamin „Genamin LA 302 D“

Eine stark fischtoxische Substanz: Bei Genamin LA 302 D handelt es sich um ein technisches Gemisch von N,N-Dimethyl-alkyl-aminen (alkyl = C12 und C14).

Menge: Das WG berechnet 800 kg Fettamin [6], die in die Alz gelangt sind und verringert diese Menge (am 3. 4.) ohne Begründung auf 550 kg.
Dichte: < 1g/cm3, d.h. Fettamin schwimmt auf Wasser auf.
Wasserlöslichkeit
sehr gering (10 mg/l), allerdings genügen schon 0,7 mg/l, um als Kiemen- und Membrangift aquatische Fauna und Flora abzutöten.
Wirkung: Säugetiere: Schleimhautreizend, ätzend.
Aquat. Fauna: Hochgiftig, Kiemen- und Membrangift. Giftigkeit am höchsten für Grünalgen. Laut Bayer. Landtag wird die Schleimhaut der Fische aufgelöst, dies sei die Hauptursache für das Fischesterben.
Abbau: Biologisch schnell abbaubar, nach 28 Tagen 70%, auch im Schlamm, .. In einer biologischen Kläranlage Abbau um 99,6%; bei dem Unfall von 1983 fiel durch den hohen Eintrag des Genamins die Kläranlage völlig aus und die ungeklärten Abwässer vernichteten das Leben in der Alz.
TDI (toxical daily intake) und ähnliche Werte: WG hat uns amtliche Papiere dazu übergeben (EFSA Food Contact Approval, OECD SIDS Initial Assessment Report). LRA (12. 4.) beurteilt weder lebenslangen noch kurzfristig hohen Konsum von wie hier belasteten Fischen als gesundheitsgefährlich.

3. Auswirkungen auf (aquatische) Fauna und Flora

Alz: Die Alz ist der Ausfluss des Chiemsees und mündet zwischen Altötting und Marktl in den Inn. Er ist ein für die Fischfauna wichtiger Kiesfluss, in den zum Laichen viele Fische vom Inn herauf schwimmen, so im März zum Zeitpunkt der Alzkatastrophe 1983 und 2012.
Die Alz wird derzeit mindestens vierfach gefährdet:
* Eindämmung und Begradigung für Landwirtschaft um etwa 1905 resultierten in einem massiven Verlust an ökologischer Widerstandskraft (Resilienz)
* Entnahme der Hauptwassermenge zur Verstromung (Alzwerke); geringe Restwassermenge
* Nutzung als Vorfluter für Chemiestandort Gendorf
* Nutzung als Vorfluter für Kläranlagen um den Chiemsee und die Alz-Anrainer

Fische:
Bei der Alzkatastrophe 2012 wurde die Alzfischfauna unterhalb Flusskilometer 14,5 im Wesentlichen vernichtet wie auch ein Teil der Innfischfauna, da viele tausend Fische aus dem Inn zum Laichen in die Alz geschwommen waren! Die Katastrophe betrifft also nicht nur die Alz, sondern auch teilweise den Inn und über den Ausfall der Jungfische die nächsten Fischgenerationen in beiden Flüssen. Entlang der Alz wurden (der größte Teil schon am 7. und 8. 3.) 6500 kg größere Fische von den Werksfeuerwehren abgesammelt (ANA 16. 3.). Unbekannt ist die Menge, die in den Inn abgetrieben wurde, die hunderttausende am Grund der Alz noch viele Tage sichtbaren kleinen toten Fische, die Menge der vergifteten Klein- und Kleinstfauna und Algen. Wir gehen von einer zweistelligen Tonnage an toten Fischen aus, das LRA schätzt auf 12 – 18 t; danach wären als Problemstoffe auch die Verwesungsprodukte von ca. 10 t Fischen zu betrachten, die nicht eingesammelt wurden.
Interessant wäre eine Aufschlüsselung der abgesammelten Fische nach Gewicht und Art; zumindest probeweise sollten dazu Daten vorhanden sein [7].
Es wurden schon Fische eingesetzt (29. 5.): Große Fische nicht, da sie wegschwimmen, kleine Fische bleiben da.
(30. 7.) Am Alzufer sind viele kleine Fischlein zu sehen (eingesetzte und ev. aus Laich); laut Dr. Seifert sind schon wieder alle Fischarten (außer der Mühlkoppe) vorhanden, die vor der Katastrophe da waren. Im Herbst 2012 soll ein umfangreicheres Fischmonitoring durchgeführt werden, um mit einem vom Herbst 2011 vergleichen zu können.
30. 10.: Inzwischen sind laut Dr. Seifert wieder alle Fischarten vorhanden, inkl. Mühlkoppe, in ähnlicher Anzahl wie vor der Katastrophe, teils deutlich mehr, da Fressfeinde (größere Fische) seltener waren, teils einige Fischarten schon wieder besetzt wurden (Bachforelle).

Kleinfauna
: Das sind u.a. Daphnien (Wasserflöhe); Larven von Mücken, Köcher-, Eintags- und  Steinfliegen, Lid- und Kriebelmücken, Schnaken; Wasser-käfer und –schnecken, Würmer, Wasserasseln, … Sie sind u.a. eine wesentliche Ernährungsgrundlage für Fische und manche Vögel. Eine erste Untersuchung bei der Einleitung des WG und bei Hohenwart ergab 98% tote Kleinfauna bei der Einleitung und 90 bzw. 50% bei Hohenwart. An der Innmündung hat etwa 80% der Kleinfauna überlebt (ANA); WWA am 26. 4.: „Deutlich erholt“; Seifert vom 25. 5.: „Innerhalb von Fehlergrenzen gleich wie im Herbst 2011“; dies sei bei den kurzen Lebenszyklen der Kleinstfauna verständlich.
31. 10.: Es wurden alle Arten auch in teils höherer Zahl (Fressfeinde reduziet!) als vor der Katastrophe gefunden, drei Arten fehlen aber noch (intensive Untersuchungen in Hohenwart vor 2012 und direkt nach der Katastrophe (reduziertes Programm) und am 26. 4. Und 17. 10.). Die Ergebnisse werden Ende November dem Bayerischen Landtag zur Verfügung gestellt.

Algen:
Stark geschädigt die fädigen Grünalgen (Cladophora), Farbe von Moosgrün ins Gräuliche. Am 30. 3. ist wieder Algenwachstum zu beobachten (WG bei Besuch MdL Dr. Magerl)

Andere Tiere
:
Nahrungsgrundlage vernichtet: Tiere, die auf eine prosperierende aquatische Fauna und Algen in der Alz angewiesen sind, sind gefährdet. Andere Reviere können sie sich kaum suchen, da diese schon besetzt sind. Dies betrifft etwa Kormoran, Graureiher und Gänsesäger, Eisvogel und Wasseramsel, die sich von aquatischer Klein- und Großfauna ernähren, aber auch Enten etc., die Algen fressen. Entsprechende Schäden sind auch für Vögel am Inn zu befürchten, weil auch die Fischpopulation des Inns über die in der Alz laichenden und vernichteten Fischbestände empfindlich getroffen ist. InfraServ hat die Behörden auf unsere Bedenken und Forderungen nach einem entsprechenden Monitoring aufmerksam gemacht, allerdings gehen die dortigen Experten davon aus, dass entsprechende Schäden nur schwer nachweisbar sind und es derzeit keine entsprechenden Hinweise gibt .
Durch direkte Aufnahme, etwa durch das Fressen von vergifteten Fischen, dürfte wenig zusätzlicher Schaden entstehen, da Fettamine vor allem für Wasserfauna und Algen giftig (Membrane, Kiemen, Haut). Die Folgen der Verwesung der Kadaver sind unbekannt, wurden aber sicherlich durch das schnelle Absammeln der ca. 6.5 t Fischkadaver in der Alz verringert; im Inn dürfte das wegen der ungleich höheren Wassermenge sich kaum auswirken. Hauptgrund für das schnelle Absammeln war kaum die Verringerung dieser Vergiftungsmöglichkeit sondern die negative Öffentlichkeitswirksamkeit der Fischkadaver; aus diesem Grund war es auch schwierig, Fotos von toten Fischen zu bekommen.  

Dieser riesige Primärschaden an der aquatischen Fauna und Flora im Bereich der unteren Alz und angrenzender Innbereiche
(und die damit möglicherweise zusammenhängende Sekundärschäden auch in anderen Bereichen der Fauna (Vogelwelt)) stellen aus Sicht des Bund Naturschutz die eigentliche Katastrophe dar. In etwa einem halben Jahr hat sich das Ökosystem rel. gut erholt, auch durch Einwanderung und durch Neubesatz.

4. Auswirkungen auf das Wasser

(Details im Anhang 8.4)
Trinkwasser: Wegen der Grundwasserströme erwarten wir keine Vergiftung des Trinkwassers im Bereich der Alzgerner Brunnen; zusätzlich wird dort wegen der PFOA-Verschmutzung ein Aktivkohlefilter betrieben, das auch Fettamin zurückhält. LRA hebt am 12. 4. alle Einschränkungen auf, misst noch 3 – 4-mal weiter. Ein Nutzer des Alz-nahen Wassers als Trinkwasser wurde gewarnt.

Grundwasse
r: Weil ein Übergang in das Grundwasser möglich ist, wird mindestens 4 Wochen lang gemessen. In Ufernähe wurde anfangs wegen Verwendung als Nutzwasser gewarnt. Bisher (WWA, 31. 10.) sind keine Fettamine gefunden worden.

Alzwasser
: Wie zu erwarten lagen die Fettaminkonzentrationen im Alzwasser, das am 7. 3. beprobt wurde, nur noch unter 0,07 mg/l.
In Wasserproben vom 10. 3. konnte der Stoff nicht mehr nachgewiesen werden.

Alz-Sedimente
: Am 10. 3. wurde in Sedimentproben bis zu 1,3 mg Fettamin/kg Sediment gemessen. WG (Mail vom 3. 4.) meldet anfängliche Werte bis zu 7 mg/kg Sediment; Werte < 0,07 mg/kg für alle Proben am 23 3. (ähnlich auch der Bayer. Landtag). (Als Altlasten wurden Rückstände des bis vor 10 Jahren produzierten sehr schwer abbaubaren Triphenylzinns gefunden und zwar mehr, als vorher gemessen wurden; die entsprechende Anlage wurde 2006 stillgelegt). Das Werk erwartet einen schnellen Abbau des Fettamins, der vom WWA gemessen und überprüft wird. Infraserv berichtet am 30. 3. beim Besuch Dr. Magerl, MdBL, dass  „Fettamin im Sediment stark zurückgegangen ist, von Werten von bis 7 mg/kg (9. 3.) auf unter 0,25 mg/kg (ab dem 13. 3.);
dann allerdings nur noch rel. geringer Rückgang, Hoffnung liegt in höheren Temperaturen der Alz im Sommer. (30. 7.) Nachdem auch bei den letzten Messungen noch Amine im Bereich „zweifache Nachweisgrenze“ auftreten, werden nun die „Nullwerte“ überprüft, und auch dort kommen Amine vor; Fische enthalten übrigens auch Amine.

Spülung der Alz
: Eine Spülung der Alz wurde öfter diskutiert, wobei positive (Verdünnung und Wegschwemmung der Fettaminmengen, der Fischkadaver, …) und negative Punkte (die geschwächte überlebende  aquatische Fauna wird ausgespült, Alzwasser wird in das Grundwasser gedrückt, …) diskutiert werden müssen. Eine Spülung kann übrigens nicht durch die Alz-Werke sondern nur durch das LRA beschlossen werden.


5. Kommunikation, Verantwortung

Personal: Diesen Punkt halten wir für sehr wichtig. Gut ausgebildetes, laufend weitergebildetes und ausreichend viel Personal ist ein wichtiger Punkt, wenn Unfälle verhindert werden sollen.
Nach ersten Informationen ist hier gut ausgebildetes Stammpersonal involviert gewesen, allerdings war zum Zeitpunkt des Brandes nur eine Person im Betriebsgebäude (ANA, 18. 4.). Ob dies mit den Clariant-Vorschriften vereinbar ist, ist noch unklar.
Verantwortung: Die Pressestelle und auch WL Langhammer haben sich am 30. 3. explizit zur Verantwortung des WG und zur Übernahme der gesamten Revitalisierungskosten bekannt [8]. Auch der bayerische Landtag betonte, „dass die beteiligten Firmen für eine lückenlose Aufklärung sorgen und für die von ihnen verursachten Schäden aufkommen müssten.“ (SZ, 30. 3., S. 33).
Offenheit, Kommunikation: Die Kommunikation des WG erscheint aus unserer Sicht sehr passiv: Es gibt wenige, teils zu massiven Missverständnissen führende und ansonsten wenig informative Pressemitteilungen. Manche wichtigen Informationen gelangen scheibchenweise und sehr spät an die Öffentlichkeit, etwa die Warnungen durch Messeinrichtungen, die aber keine Konsequenzen hatten, die geringe Rückhaltekapazität der Tanks, was vielleicht auch eine wichtige Rolle gespielt hat (ANA, 12, 4,).
Die Informationen, die auf Fragen und bei ersten Informationen interessierter Gruppen oder der Presse gegeben wurden, hätten leicht in schriftlicher Form über die WG-Webseite veröffentlicht werden können; dabei hätten auch missverständliche Aussagen etwa zur Verantwortung für den Unfall, zur Zusammenarbeit mit dem Staatsanwalt etc. korrigiert werden können.
Warnungen etwa vor der Nutzung des Alz-nahen Grundwassers hätten nicht nur über die Presse sondern direkt an die betroffenen Gemeinden und Nutzer ausgesprochen werden müssen. Ein Notfallplan „Kommunikation mit Anliegern bei einer Alzvergiftung“ scheint nicht zu bestehen.
Die „reagierende Informationspolitik“ war aus unserer Sicht in Ordnung, auf jede Anfrage wurde uns geantwortet, meist bei Treffen im Werk.
Das LRA (12. 4.) hat alle Fragen mit der Kripo Mühldorf abgeklärt und alle Unterlagen zur Verfügung gestellt.
Webseite der Fa. Clariant (www.clariant.de): Auf dieser Webseite stehen zwar einige „aktuelle Medienmitteilungen“ seit dem 6. 3., aber kein Hinweis auf die durch Fettamin verursachte ökologische Katastrophe in der Alz! [9]

6. Forderungen an WG, Behörden (Revitalisierung, Renaturierung)

Unter Revitalisierung wird hier die Wiederherstellung des Status quo, unter Renaturierung die Annäherung der Alz an den natürlicheren Flusszustand von vor 1900 verstanden; die Renaturierung soll u.a. die Widerstandsfestigkeit/Resilienz der Alz vergrößern.

6.1 Eine vollständige und möglichst schnelle Revitalisierung der Alz

um den eingetretenen Schaden zu beheben!
Hierher gehören alle sinnvollen Besatzmaßnahmen sowohl mit den kommerziell üblichen Edelfischen als auch mit schwieriger zu beschaffenden anderen Fischen (Nebenfischen). Zu letzteren gehören auch viele bedrohte Arten. Diese Maßnahmen sind eng mit den Fischereiexperten und den Fachbehörden abzustimmen. Prinzipiell gilt, dass möglichst mit einheimischen Spezies besetzt werden muss, um das lokale Genmaterial zu erhalten; da auch viele Innfische getötet wurden, muss der Besatz auch dort stattfinden, bzw. muss eine Abwanderung in Kauf genommen werden. 
Die Voraussetzung dafür ist eine wieder aufgebaute aquatische Flora und Fauna, was laut Aussagen der InfraServ (29. 5.) weitgehend der Fall ist; dann müssen aber auch Verzögerungen bei dieser Revitalisierung gut erklärt werden! Die Veröffentlichung der diesbezüglichen Messungen ist nach u.M. überfällig.
Die diesbezüglichen Aufwendungen sind durch InfraServ zu begleichen.

 

6.2 Eine Stärkung der Resilienz der Alz

Ziel muss eine erhöhte Widerstandsfähigkeit/Resilienz der Alz gegenüber ähnlichen Katastrophen sein, um das Werk Gendorf nachhaltig weiter betreiben zu können! Ein Mittel dazu ist die weitestgehende Renaturierung.
Ziel der Renaturierung ist u.a. eine Alz, die Unfälle besser als heute vertragen kann, auch wenn diese nur mit geringer Wahrscheinlichkeit auftreten: Dazu wird die InfraServ substantiell beitragen.
Infraserv sieht den BN, Vogelschutz, … als Experten an und wünscht sich auch von uns Vorschläge; die Kreisgruppe des BN hat auch schon vor dem Unfall dem WWA Renaturierungsmaßnahmen für die Alz vorgeschlagen.
Einige bisherige Vorschläge von uns und anderen Gruppen 
* Erhöhung der Restwassermengen, kontinuierlich oder zumindest periodisch, z.B. mindestens in der Laichzeit,
* Aufweitung und stärkere Strukturierung des Flussbettes;
* Spülungen bei Niedrigwasser, um der Verschlammung entgegenzuwirken;
* Gezielte Öffnung des Wehres oberhalb Burgkirchen, um die Durchgängigkeit von oben zu ermöglichen;
* Verbreiterung der Fischtreppe am Wehr
* stärkere Einbeziehung der wenigen Nebenarme durch deren Renaturierung u.a. im Unterlauf,
* Maßnahmen gegen die weitere Eintiefung, z.B. indem unten ausgebaggerter Kies wieder oben in das Flussbett gefüllt wird,
* Maßnahmen zur Verbesserung der Laichmöglichkeiten, z.B. indem die Uferbäume nicht weiter entfernt werden und in die Alz hinein wachsen können,
* Die Maßnahmen müssen auf Erfolg in Alz und Inn überprüft werden. Die Öffentlichkeit muss darüber von WG, LRA und WWA informiert werden.
Das WWA ist seit dem 22. 10. dabei, einige Renaturierungsmaßnahmen durchzuführen und hat diese mit Dr. Seifried, UNB, Infraserv besprochen. Sofortmaßnahmen, die in der nächsten Zeit durchgeführt werden können, bestehen (teilweise auch beim nächsten Hochwasser schon gefährdeten Maßnahmen) in der
* Errichtung von Strukturinseln
* Verbesserung der Aufstiegsmöglichkeiten bei Wasserabstürzen durch Zerlegung in mehrere kleinere Stufen (z.B. bei Badermühle)
* Verbesserung der Situation beim Wehr Burgkirchen (entweder Verbesserung der Fischtreppe oder Verbesserung des Wehrs (Infraserv)
* Altwässer bei den Wasserbrunnen des Werkes (Infraserv)
* Raubäume einbringen, „Ihicken“ = Weiden mit Verbindung zur Wurzel umlegen, um Fischen Unterstände zu ermöglichen
* „Setzstangen“ aus Weiden in die Uferverbauung stecken, sodass sie anwachsen (Unterstände für Fische)

         6.3 Technische und organisatorische Verbesserungen

Infraserv berichtet (30. 3., Besuch Dr. Magerl, MdBL) über folgende Maßnahmen, mit denen die Häufigkeit solcher Katastrophen künftig verringert werden soll. Über die Kommunikation innerhalb der chem. Industrie sollten diese Maßnahmen auch in anderen Betrieben außerhalb Gendorfs (und über die Behörden in andere Branchen) diskutiert und umgesetzt werden:

Entkopplung der Dachflächen:
Die Dachentwässerung des betroffenen Betriebes wurde schnell vom Kühl- und Regenwasserkanal abgekoppelt; in weiteren Betrieben (vor allem mit stark fischtoxischen Produkten) wurde dies ebenso realisiert bzw. Untersuchungen laufen noch.

Überwachung von Kühl- und anderen Abwässern: Bei Überschreitung von Grenzwerten muss sichergestellt sein, dass die Abwässer in Rückhaltebecken gesammelt werden; dies war am 6. 3. nicht der Fall. Die Messgeräte selbst können sicher den CSB-Wert bestimmen, der auch längere Zeit deutlich überhöht war. Dass die Umleitung auf die Rückhaltebecken nicht sofort nach Messwertüberschreitung aktiviert wurde, hängt damit zusammen, dass nur 1 Messstelle (die Alz-nächste) Überschreitungen anzeigte, die obere, der Schadensstelle nächste, bei der die höchste Verunreinigung zu erwarten wäre, aber keine Überhöhungen.

Umschaltung auf Rückhaltebecken: Speziell in diesem Fall standen die Messwerte der Kühlwasserüberwachung technisch bedingt erst nach ca. 5 Minuten zur Verfügung; dies war zu lang, um rechtzeitig eine Umleitung in Rückhaltebecken zu gewährleisten. Die Laufzeit des Kühlwassers bis zum Schieber wurde deshalb verlängert.
Zusätzlich hat die automatische Schieberschaltung nicht funktioniert, da der Schieber wegen der vorhergegangenen Nutzung der Rückhaltebecken (siehe 1.3) in einer nur händisch bedienbaren Stellung stand; die händische Bedienung hat zusätzlich länger gedauert als bis dato angenommen. Inzwischen sind automatische Schiebersteue-rungen installiert und sollen Mitte 2012 auch mit den Überwachungseinrichtungen gekoppelt sein (derzeit noch nicht möglich, da in den Kanälen noch gearbeitet wird). Bestimmte Verbesserungen dabei sind noch möglich.
In der Zwischenzeit (8. 2012) wurde die Kapazität der Rückhalteeinrichungen erhöht.

Freigabe der Abwasserkanäle: Die Kanäle werden künftig nach Feuerwehreinsät-zen wegen möglicherweise anhaftender fischtoxischer Produktreste erst wieder freigegeben, wenn analytisch die Produktfreiheit nachgewiesen ist.

Standard für die Industrie: Nach u.M. müssen alle diese Punkte (Entkopplung, Überwachung der Abwässer und Nutzung der Rückhaltebecken, Überprüfung der Abwasserkanäle nach Problemen „Standard“ werden, intern über die chemische Industrie weitergegeben und von den Behörden kontrolliert und eingefordert werden.

Weitere Forderungen an das WG: Offenlegen von stark Wasser gefährdenden Substanzen, die im Werk (zwischen-)produziert, gelagert, transportiert werden; Kennzeichnung der entsprechenden Betriebsteile; Offenlegung der Ablaufpläne im Schadensfall, der Absicherungssysteme und deren Nachsicherungen (redundante Schutzsysteme); Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen etc. bei Niedrigwasser, den Angestellten müssen klar sein, dass Gendorf das Chemiewerk mit dem schwächsten Vorfluter ist.

Ganz dringend ist zu untersuchen, warum die verschiedenen Warnungen nicht ernst genommen wurden, dies wurde wegen der Relevanz für den Staatsanwalt nicht intensiver erklärt.

 

7. Anhänge zu den Kapiteln 1 – 7

7.1.1 Zeitlicher Ablauf

Vor allem durch Informationen aus der ANA vom 18. 4., (den vollständigen Artikel dazu bitte anklicken) zeichnet sich derzeit folgender zeitlicher Ablauf ab; kursiv und in rot Kommentare und Fragen von uns. Im folgenden dieser Ablauf, etwas erweitert z.B. um verschiedene Presseerklärungen, Mitteilungen etc. und die Aktivitäten des BN.
6. 3. 2012
Vormittags: Ein Emmertinger Bürger macht das Werk auf ungewöhnlich viel Schaum in der Alz aufmerksam. Wie anscheinend öfter in solchen Fällen werden daraufhin die Abwässer der betroffenen (??) Betriebe in die Rückhaltebecken umgeleitet. Alle Grenzwerte seien eingehalten, das LRA sei informiert worden, mit dem späteren Unfall stünde das Ereignis in keinem Zusammenhang, was aber nicht gestimmt hat.
18:53 Clariant-Betrieb E-18 (Bau 609) startet die Filtration (der Cu-Katalysator wird abfiltriert) wie üblich, alles normal.
19:19 Aus noch ungeklärter Ursache wird ein Kugelhahn geöffnet, der den Filter mit dem Abgaswäscher verbindet, das Fettamin fließt in den Abgaswäscher. Im Wäscher steigt der ph-Wert auf über 6; die Systeme schlagen Alarm.
19:27 Im Wäscher steigt der Druck an und überschreitet kurzzeitig einen Grenzwert. Erneut wird Alarm ausgelöst.
19:28 Temperaturen (im Wäscher?) steigen auf über 50° C; ein dritter Alarm.
19:36 Der Druck überschreitet den dreifachen Grenzwert.
19:38 Fettamin inklusive Cu-Katalysator werden über den Abluftkamin auf das Dach gedrückt und gelangt in den Regen- und Kühlwasserkanal (weiter in die Alz); letzteres vermutet LRA und die Fachbehörden, auch wir haben das so gesehen.
19:43 Durch Kontakt mit Luftsauerstoff verursacht der Cu-Katalysator die Entzündung des Gemisches. Der einzige Mitarbeiter vor Ort erleidet leichte Verletzungen. Feuerwehr (jederzeit sind 13 Feuerwehrmänner bei Infraserv in Bereitschaft) und gleichzeitig die Kläranlage wird über den Vorfall informiert; damit beginnt die Zuständigkeit der InfraServ. Entzündung anscheinend nicht sofort nach Austritt auf das Dach!?               
19:44 Der westliche Produktionsbetrieb wird abgeschaltet
19:45 Schaltwarte an der Kläranlage beginnt mit der Umleitung der Kanäl
19:46 Der östliche Produktionsbetrieb wird abgeschaltet
19:47 Austritt des Genamins über den Abgaskamin gestoppt
19:48 Werksfeuerwehr nimmt Wasserwerfer in Betrieb. Der betriebliche Bereitschaftsdienst wird informiert.
19:49 Meldung der Werksfeuerwehr „Brand gelöscht
19:50 Betriebsleitung wird informiert
19:53:57 WG: „19:54 Durch die technisch bedingte Zeitverzögerung bei der Messung und den Schließungszeitpunkt des Schiebers konnte ermittelt werden, dass für einen Zeitraum von ca. 2 Minuten Löschwasser-Amin-Gemisch direkt in die Alz gelangte.“ Anscheinend lag ein Grund für die verzögerte Schließung auch in den Arbeiten am Alzeinlauf des Werkes am Morgen des 6. 3.(siehe 1.4). Sind diese 2 Minuten ab 19:54 gerechnet? Warum konnte    vorher kein Löschwasser-Amin-Gemisch in die Alz gelangen? Es wird von „anfangs 8kg Emission in die Alz“ gesprochen[1]
[8].
ANA vom 18. 4.: „Anders als von der Betriebsanweisung vorgegeben werden erst jetzt, elf Minuten nach dem Alarm, die Schieber des Kanalsystems in Bewegung gesetzt.“
19:55:40 Die Schieber sind geschlossen. Der komplette Südkanal Ost wird in die Rückhaltebecken ausgeleitet. Aufgrund der Restmenge vom Ereignis des Vormittags sind die Tanks zu rund 2% gefüllt.
19:58 Wert organischer Substanzen im Wasser steigt.
20:00 Der betriebliche Bereitschaftsdienst trifft vor Ort ein. Umweltschutzmesswagen prüft außerhalb des Werkes (was, wie lange)
20:02 Der Ablauf des Fettabscheiders wird geschlossen
20:07 Feuerwehr schaltet den letzten Wasserwerfer ab
21:45 Das WG versendet eine
Pressemitteilung. In ihr wird mitgeteilt, dass der Brand nach kurzer Zeit gelöscht werden konnte, dass die Messgruppe keine erhöhten Werte festgestellt und dass keine Gefahr für die umliegende Bevölkerung bestanden habe.
23:25 Werksfeuerwehr gibt ihr OK, dass Regelbetrieb im Kanalsystem wieder aufgenommen werden könnte.

7. 3. 2012
0:31 Das Wasser des Kühl- und Regenwasserkanals wird wieder in die Alz eingeleitet. Rückhaltebecken zu diesem Zeitpunkt zu rund einem Drittel voll. Bis zur vollständigen Füllung hätte das Wasser noch max. fünfeinhalb Stunden umgeleitet werden können, dann hätten Betriebe stillgelegt werden müssen, was schon zwei Stunden vorher hätte begonnen werden müssen).
0:31 und 0:45 Messsonden im Kanalsysstem schlagen Alarm und zeigen weit über eine Stunde lang eine Überschreitung des betriebsinternen Grenzwertes für organische Substanzen, teils um mehr als das Vierfache! Der Kanal bleibt dennoch offen
Gegen 7 Uhr: Spaziergänger entdeckt massenhaft Fischkadaver in der Alz auf Höhe der Brücke Hohenwart. Er informiert den Emmertinger Gewässerspezialisten Günter Geiß.
Gegen 8 Uhr: Herr Geiß macht sich vor Ort ein Bild von der Situation und wählt den Notruf. Kurze Zeit später treffen Polizei und Mitarbeiter des WWA ein. Ein Polizeihubschrauber fliegt die Alz ab, bis zur Mündung in den Inn schwimmen massenhaft tote Fische.
8:40 Das Werk wird informiert. Regen- und Kühlwasserkanal bleibt offen!
9:21 Der Schieber des Alzzuflusses wird gestoppt.
Dass dies 9 Stunden lang unerkannt geschehen konnte, ist bei „Responsible Care“ etc. völlig unverständlich, hier müssen die Kontrollen an den Einlaufstellen massiv verbessert werden, war unsere erste Reaktion. Dass aber mehrfache Warnungen etc. missachtet wurden, lässt auf ein Versagen nicht der Kontrollmessapparate sondern der daraus entstehenden Aktionen schließen, was aus unserer Sicht noch bedenklicher ist.
10:50 Erneute
Pressemitteilung des WG: Ein möglicher Zusammenhang zwischen Fischsterben und Brand wird eingeräumt.
12:30 Pressekonferenz im Industriepark: Werksleitung sichert eine transparente Aufklärung zu, InfraServ-Geschäftsführer Dr. Berhard Langhammer schätzt, dass das Genamin nur über sehr kurze Zeit in die Alz gelangen konnte.
Weitere Ereignisse am 7. 3. 2012: WWA TS entnimmt Wasser- und Fischproben; Sediment-Monitoring wird angeordnet; LRA/WWA gehen nicht von Gefahr für das öffentliche Trinkwasser aus; Nutzer eines privaten Trinkwasserbrunnens an der Alz werden informiert, dass sie vorerst kein Wasser mehr dort entnehmen sollen. Kripo MÜ fängt – unterstützt vom LKA -
zu ermitteln an. Die Kreisgruppe des Bund Naturschutz frägt bei Infraserv um Informationen nach, was akzeptiert wird.

8. 3. 2012:
LRA warnt, entlang der Alz Grundwasser zu entnehmen und vorsorglich vor Kontakt mit Alzwasser.
Ab hier nur noch Punkte, die im obigen Artikel der ANA nicht angesprochen sind und die Meldungen von LRA und WG

9. 3. 2012: WG gibt Pressemeldung heraus:
 „Untersuchungen im Industriepark Gendorf auf Hochtouren“: Hinweis auf
* mögliche Vergiftung durch Fettamin über Löschwassereintrag,
* Monitoringprogramme mit den Behörden   
LRA gibt aktuelle Meldung heraus  
(„Schadensfall an der Alz: Ergebnisse der Sitzung vom 9. 03.2012“): Hier ging es einmal um
* Messprogramme, die mit WWA-TS (Wasserwirtschaftsamt Traunstein) und dem Werk vereinbart wurden. Wir haben diesbezüglich bei LRA und dem Werk Gendorf nachgefragt. 
*die Sicherheit von Trinkwasser und die vorsorgliche Beschränkung der Brauchwassernutzung über weitere Wochen.

12. 3. 2012:
LRA Aktuelle Meldung:
(„Schadensfall an der Alz: Ergebnisse der Sitzung vom 12. 03.2012“): Hier ging es um
* die Menge (800 kg Fettamin, teils verbrannt, teils eingeleitet),
* den Eintragsweg der Fettamine (Eintrag doch nicht über das Löschwasser sondern über  Kühlwasser),
* die Ergebnisse der Alzwasserproben vom 7. 3. und 10. 3..

13. 3. 2012: Kreisgruppe des BN übergibt dem WG anlässlich „1 Woche Alzkatastrophe“ Presseerklärung am Werkstor
und nimmt an einem kurzfristig angebotenen Informationsgespräch des WG teil.

14. 3. 2012: WG gibt Pressemeldung heraus:
„Erste Ergebnisse der Analysen zur Verunreinigung der  Alz ermittelt“: Es geht um
* den Hergang (offen bleibt, wie Fettamin in das Kühlwasser kommen konnte; in der Aktuellen Meldung des LRA am 15. 3. wurde dies beantwortet.
* gute Zusammenarbeit mit den Behörden (LRA, WWA, LfU) und
* eine umfassende Kooperation mit dem Staatsanwalt

15. 3
. LRA Aktuelle Meldung:
(„Schadensfall an der Alz: Ergebnisse der Sitzung vom15. 03.2012“): Hier ging es um
* die Klärung des Eintragsweges (nach kritischer Diskussion mit Werk Gendorf)
* den zeitlichen Ablauf des Störfalles (ein wichtiges Detail, wie Kühlwasser kontaminiert werden konnte, erklärt sich laut LRA – Punkt 2, was in der Erklärung des Werks nicht angesprochen wurde und Fragen hinterließ,
* negative Untersuchungen (d.h. kein Fettamin gefunden) in Trinkwasserbrunnen zweier Familien und des Zweckverbandes,
* das Monitoring an 6 Grundwasserbrunnen über mindestens 4 Wochen.

2. 4. 2012: WG
Pressemitteilung zum Besuch des MdL Dr. Magerl, bei dem auch der BN war:
* WL Dr. Langhammer verspricht alle Maßnahmen, dass sich solch ein Unglück nicht mehr ereignen kann
* WL Dr. Langhammer übernimmt die Verantwortung für den Umweltschaden
* Renaturierung erst beginnen, wenn Alzsedimente Gift-frei; das zeichnet sich aber schon ab.

3. 4. 2012: WG Erste „Antworten des Industrieparks Werk Gendorf zu Fragen des Bund Naturschutz (Kreisgruppe Altötting)“

12. 4. LRA Aktuelle Meldung:
(„Aktueller Sachstand zum Schadensfall an der Alz“) Hier ging es um
* Trinkwasser: Keine Einschränkungen zur Nutzung privater Trinkwasserbrunnen, vorsorglich weitere Beprobung. Beeinträchtigung der öffentlichen Wasserversorgungen wird ausgeschlossen.
* Brauchwasser: Weitere 3 – 4 Wochen Beprobung, kein Nachweis bisher.
* Betroffene Anlage der Fa. Clariant ist außer Betrieb; wann verschiedene Maßnahmen umgesetzt sind und die Fachbehörden den Betrieb freigeben, steht noch nicht fest.
* Aufgrund der Genamin-Belastung der Fischproben geht die zuständige Fachstelle davon aus, dass weder Langzeit- noch Kurzzeitaufnahme gesundheitsschädlich sind.
* LRA hat mit der Kripo Mühldorf alle offenen Fragen abgeklärt und alle Unterlagen zur Verfügung gestellt.

LRA (12. 4.): Der Betrieb ist noch geschlossen. Wann er nach Abschluss der Umbauarbeiten und aller Fachbehörden wieder geöffnet wird, ist noch nicht bekannt.

19. 4. Infraserv Pressemitteilung:
Sachverständiger empfiehlt raschen Start beim Aufbau des Fischbestandes

10. 5. LRA Aktuelle Meldung: „
Umfassende Maßnahmen zur Revitalisierung und Renaturierung der Alz geplant
Gemeinsames Gespräch Infraserv, Bayer. Umweltministerium, LRA, Regierung von Oberbayern, WWA.
* Über die Wiederherstellung des vorherigen guten Gewässerzustandes sollen weitere Verbesserungen durchgeführt werden.
* Infraserv will neben der Behebung der Schäden auch einen signifikanten Beitrag zu den weiteren Verbesserungen leisten.
* Weitere Verbesserungen: Verbesserung der Laichmöglichkeiten, Aufweitung der Ufer, naturnahe Nebengewässer, …

29. 5.: Gespräch BN, Vogelschutzbund, Bündnis 90/Die Grünen mit InfraServ-Gendorf. InfraServ gibt auch dazu eine Pressemeldung heraus.

27. 7.: Pressemeldung der InfraServ zu einigen Leistungen im Zusammenhang mit der Renaturierung der Alz: 1 Mio € freiwillige Leistungen, ev. weitere Gelder von Mitgliedsfirmen; Grundstücke (mit einer Brunnengalerie) auf der rechten Alzseite für einen Altarm werden für einen schnellen Baubeginn zur Verfügung gestellt wie auch für eine Fischtreppe an dem Wehr;

30. 7.: Gespräch bei InfraServ mit BN, Vogelschutzbund.

7.2 Einzelheiten zum Kühl- und Abwassersystem


Beim Besuch von MdL Dr. Magerl (30. 3.) erklärt WG Einzelheiten wie folgt: Kühlwassersystem: Kühlwasser wird der Alz entnommen und nach Benutzung in den einzelnen Anlagen an zwei Punkten in die Alz emittiert. Es kann auch in den beiden Rückhaltebecken (je 11 000 m3 Fassungsvermögen) zurückgehalten und dann über die Kläranlage gelenkt werden. Infraserv zeigt ein Bild des betroffenen Kühlwasserstranges, der mit anderen Kühlwassersträngen der Fa. Clariant (ca. 800 m3/h, „Südkanal Ost“) zuerst über eine TOC-Messstelle (Total Organic Compounds) läuft; dort wird bei Überschreiten einer Schadstoffschwelle auf die Rückhaltebecken umgeleitet. Mit anderen Kanälen („Südkanal Nordwest“, ca. 800 m3/h und „Südkanal Süd“, ca. 800 m3/h) läuft das Kühlwasser über den „Südkanal“ (2400 m3/h) nach Passieren einer weiteren TOC-Messstelle (mit Abzweigung zu den Rückhaltebecken) in die Alz; die Alz selbst fließt mit ca. 18 000 m3/h = 5 m3/sec Restwasser. Anscheinend wird das gleiche Kanalsystem für Kühl- und Regenwasser genutzt. Der zweite „Nord-Kanal“ wird hier nicht betrachtet.
Nachdem (ANA vom 12. 4.) die Füllung der Rückhaltebecken doch eine größere Rolle gespielt hat, als bisher bekannt, muss die Füllung der Becken schon tagsüber, die Kapazität der Becken in den Stunden vor einer notwendigen Betriebsschließung, die Frage nach demjenigen, der den Beckenablass in die Alz genehmigt hat etc. besser aufgeklärt werden. InfraServ erklärt (30. 7.), dass seit dem 6. 3. Ein zusätzliches Rückhaltebecken von ca. 4000 m3 gebaut wurde, dass durch die Abkopplung einiger Dachflächen und durch intelligentere Schaltungen der Kanäle auf Regenwasser- und Abwasserkanal die Kapazität der Rückhaltebecken inzwischen völlig genügend sei.
Abwassersystem: Abwässer gehen prinzipiell über die Kläranlage, können danach aber auch in den Rückhaltebecken zurückgehalten und ev. noch einmal geklärt werden. Das ist Standard.
Bilder von den Kanalsystem aus dem Vortrag bei Magerl

7.3 Alz

Alz: Vier unterschiedliche Nutzungen verschlechtern ihre Substanz:
* Seit etwa 1900 wurden die Uferbereiche stark eingedämmt [10] ; diese sind inzwischen fast vollständig als Natur- und Landschaftsschutzgebiete geschützt.
* Zu Beginn des 20 Jahrhunderts wurden zwei lange Ausleitungen zur Verstromung des Alzwassers in Kraftwerken bei Hart an der Alz (Süd-Chemie) und bei Burghausen (Wacker-Chemie) gebaut. Die letzte Ausleitung beginnt bei Hart an der Alz und führt fast das gesamte Alzwasser über den „Alzkanal“ nach Burghausen; dort wird es in dem Wasserkraftwerk der zur Wacker-Chemie gehörenden „Alzwerke“ mit einem Höhenunterschied von ca. 60 m hinunter in die Salzach geleitet. In der unteren Alz (unterhalb etwa Hart an der Alz) fließen deshalb oft nur noch 5 m3 Restwasser (die vorgeschriebene Mindestrestwassermenge) von über 60 m3 oberhalb des Ausleitewerkes der Alzwerke; diese geringe Restwassermenge stellt eines der wichtigsten ökologischen Probleme der Alz dar. Eine Erhöhung der Restwassermenge wäre für die Flussökologie wichtig, verringert aber die Strommenge, die die Wacker-Chemie GmbH erzeugt.
* Das Werk Gendorf leitet seine geklärten Abwässer bei Flusskilometer 14,5 ein [11].
* Die Alz ist ebenfalls Vorfluter für alle kommunalen Kläranlagen, wobei sich dies nicht speziell auf den Unterlauf auswirkt.

Fische, Kleinfauna: Zu einem späteren Zeitpunkt wird auch der wieder eingesetzte Fischbestand untersucht. Monitoring der Klein- und Kleinstfauna wird derzeit durch das WWA durchgeführt und kann mit jahrelangen Messungen vor der Alzkatastrophe verglichen werden.
Kleinfauna: Besprechung LRA, WWA, BN am 24. 4.: Bei den Untersuchungen der Kleinfauna am 9. und 10. 3. ergab sich zuerst, dass statt wie üblich 40 bis 50 Arten nur mehr ca. 25 Arten gefunden wurden, davon lebende und tote; ein kleiner Trend zur Verbesserung „lebendig zu tot“ vom 9. auf den 10., ein deutlicher Trend zur Verbesserung von der Einleitestelle zum Inn hin (mit Ausreißer bei km 3.2 (AB-Brücke); eine einzige weitere Messung (genau wann?) seither zeigte Verbesserungen; am 26. 4. soll wieder gemessen werden (meist zuviel Wasser gewesen!).
Die Ernährungsgrundlage der Kleinfauna ist vielfältig, es gibt Filtrierer, Abweider (Algen), Raubtiere; die Mücken, Libellen darunter verbringen lange Zeit außerhalb des Wassers und setzen nur die Eier dorthin, kommen also leichter zurück; Kleinkrebse müssen eingeschwemmt werden. Blau- und Kieselalgen weniger beeinträchtigt, Grünalgen stark.
Nach Expertenmeinung kann man für die Kleinfauna nichts machen, muss von alleine kommen.
Fischmonitoring: Infraserv und Alz-Werke haben immer wieder gemonitort.
Muschelmonitoring: Generell zum Monitoring beim Landesamt für Umwelt eine Zusammenfassung. Ergebnisse des Fisch- und Muschelmonitorings in Bayern (bitte anklicken); Messstellen sind hier bei Hohenwart und am Ende des Alzkanals. Weitere Informationen  des LfU (bitte anklicken).

 

7.4 Wasser

Trinkwasser
Alzgerner Brunnen außerhalb der Zone, die von dem Alz-Grundwasser beeinflusst wird; die dort wegen der PFOA-Problematik verwendete Aktivkohle hält auch Fettamine zurück. (ANA 16.3., LRA) In den Brunnen an der Alz, die für Trinkwasser genutzt werden, wurde Fettamin bisher nicht nachgewiesen. In den Brunnen 1 und 2 des Wasserzweckverbandes Inn-Salzach nicht nachweisbar; es wird über 4 Wochen weitergemessen. Diese Messungen macht wahrscheinlich das WWA.

Grundwasser:
Mögliche Beeinflussung, deshalb anfangs Entnahmeverbot und Monitoring im Bereich östlich der Alz. Dr. Burger teilt mit, dass eine vierwöchige vorsorgliche Grundwasserüberwachung an sechs Messstellen durch WWA TS (ANA, 16. 3., S. 32) durchgeführt wird.
WG teilt mit, dass WG zweimal pro Woche an 5 Brunnen in der Nähe der Alz, verteilt über die Strecke von der Einleitestelle bis zur Mündung der Alz in den Inn misst.
Ergebnis (WG): Bei allen bisher durchgeführten Beprobungen war Genamin unter der Nachweisgrenze mit einer Ausnahme: Ein Einzelwert war am 20.03.2012 geringfügig über der Nachweisgrenze. Eine Nachmessung am 21.03.2012 bestätigte diesen Befund nicht. 

Alzwasser:
Pressemeldung LRA vom 12. 3.: „Das Wasserwirtschaftsamt und das Landesamt für Umwelt präsentierten die ersten Ergebnisse der Wasserproben an der Alz, die am 07.03.2012 gezogen wurden. Insgesamt wurden sechs Proben ausgewertet. Die Ergebnisse lagen bei 0,07 mg/l (ca. 300m unterhalb der Einleitungsstelle), 0,06 mg/l ( an der Einleitungsstelle), 0,04 mg/l ( ca. 200m oberhalb der Einleitungsstelle), > 0,002 mg/l (Hirten bei Flusskilometer 22), 0,04 mg/l (alte Brücke Hohenwart bei Flusskilometer 11), 0,2 mg/l (alte Brücke Hohenwart bei Flusskilometer 11), wobei die Bestimmungsgrenze bei 0,01 mg/l und die Nachweisgrenze bei 0,003 mg/l liegt. In Wasserproben der Alz am 10.03.2012 konnte der Stoff nicht mehr nachgewiesen werden“. (LRA vom 15. 3.) „an der Einleitungsstelle bei Flusskilometer 14,8 wurden Spuren des GENAMIN LA 302 D mit Katalysator von 0,0002-0,0003 mg/l nachgewiesen. In Beprobungen des Inns konnte der Stoff nicht nachgewiesen werden.“
Das WG teilt mit, dass Alzwasser zweimal pro Woche an 5 Stellen in der Alz, verteilt über die Strecke von der Einleitstelle bis zur Mündung der Alz in den Inn sowie punktuell an 4 Altarmen gemessen wird. Genamin konnte nicht mehr nachgewiesen werden.
Ergebnis: Auch die Werte vom 7. 3. haben mit den Werten des Unfalles nichts mehr zu tun, diese waren sicherlich viel höher. Ab dem 10. 3. konnte Genamin nicht mehr nachgewiesen werden.

Alz-Sedimente:
Das LfU hat am 10. 3. Sedimentproben entnommen und bis zu 1,3 mgFettamin/kgSediment gemessen: Höhe Hohenwart 0,33 mg, Höhe Schützung 0,68 mg. Zusätzlich wurden als Altlasten Rückstände des bis vor 10 Jahren produzierten sehr schwer abbaubaren Triphenylzinns gemessen, laut Werk ohne Zusammenhang mit der jetzigen Vergiftung. Bilder von dem Rückgang in Sediment ….
Das WG teilt mit, dass zweimal pro Woche an 5 Stellen in der Alz, verteilt über die Strecke von der Einleitstelle bis zur Mündung der Alz in den Inn, Sediment gemessen wird.
Ergebnis (WG): Anfänglich Genamin-Konzentrationen bis zu 7 mg/kg; Abfall bis zum 23.03.2012 auf < 0,07 mg/kg an allen Messstellen.

Spülung der Alz:
Für eine Spülung spricht, dass das Gift in den Inn gespült und 60-fach verdünnt wird, dass durch das Wegspülen und Verteilen der toten Fische keine Geruchsbelästigung und ev. auch keine zusätzliche Giftwirkung wegen der Zersetzung der Fische auftritt.
Dagegen spricht, dass mehr Alzwasser in das Grundwasser gedrückt wird, dass die geschä-digte Kleinfauna den Rest bekommt und ausgespült wird. Eine Spülung ist auch ohne die Alzwerke über das Wehr oberhalb des Werkes möglich, wenn dort einige Zeit Wasser ge-sammelt wird. Aber das Frühjahrshochwasser kommt in den nächsten Tagen in jedem Fall.

7.7 Forderungen an das WG

Renaturierung der Alz:
„Zur Bewertung des Ökosystems Alz und die Renaturierungsmaßnahmen lässt sich WG von dem Sachverständigen für Fischereiwesen Dr. Kurt Seifert beraten. Alle Maßnahmen werden in Abstimmung vorgenommen. Erste Maßnahmen erst möglich, wenn das Genamin nicht mehr nachweisbar ist“ (WG in Mail vom 3. 4.).  

8. Quellen

Landratsamt (LRA):  Das LRA-AÖ hat bisher (13. 5.  2012) 5 „Aktuelle Meldungen“ herausgegeben (unter www.lra-aoe.de, „Aktuelles“, Aktuelle Meldungen“), am
09. 3., 12. 3., 15. 3., 12. 4., 10. 5. (siehe Kapitel 7.1.1).

Werk Gendorf (WG; Infraserv, Fa. Clariant):
Das WG hat bisher 5 Pressemitteilungen unter „News“ (
www.gendorf.de) herausgegeben. Die Fa. Clariant berichtet überhaupt nichts über diese Katastrophe! Am
6. 3. zwei aktuelle Meldungen, weitere am 9. 3., 14. 3., 2. 4., 19. 4., 31. 5., 27. 7..
Das WG hat am 3. 4. auf einige Fragen des BN geantwortet. Siehe Kapitel 7.1.1.

Fa. Clariant (www.clariant.de): Auf dieser Webseite stehen zwar mehrere „aktuelle Medienmitteilungen“ seit dem 6. 3., aber kein Hinweis auf die durch Fettamin verursachte ökologische Katastrophe in der Alz!


Alt-Neuöttinger Nachrichten (ANA)
: Vor allem in den ersten Tagen nach der Katastrophe gab es, wie auch in anderen lokalen Medien und der SZ fast täglich Artikel, deren Informationen hier eingegangen sind. Bemerkenswert war etwa die Recherche der ANA zu der vom BN erwähnten Alzkatastrophe vor 30 Jahren (1983), die Recherche zu dem Ablauf der Katastrophe (18. 4.).

Bayerischer Landtag:
Ausschuss für Umwelt und Gesundheit, Protokoll vom 29. 3.

Wasserwirtschaftsamt (WWA): Gespräch am 31. 10. 2012 (Dr. Burger, Stemmer, Trautwein)

Wir versuchen, diese Information laufend mit neuen Ergebnissen zu ergänzen.
Richtigstellungen, Verbesserungen … bitte an

Dr. Ernst-Josef Spindler
Bund Naturschutz, Ortsgruppe Burghausen
84489 Burghausen
Am Pulverturm 19
Tel: 08677 62683
E-Mail: ernst-josef.spindler(at)web.de



[1] Trotz der schnellen Brandlöschung wurde der Unfall mit „D3“ relativ hoch eingestuft, was laut WL Langhammer (29. 5.) das schwerwiegendste Ereignis in seiner Zeit als WL war.

[2] Das LRA (Dr. Müller) wollte uns die Akteneinsicht ermöglichen (Mail vom 28. 3.). Das WG antwortete am 3. 4., die Untersuchungen von damals würden noch nicht betrachtet, da der Fall ganz anders gelagert sei. Uns geht es hier aber um die nachträglichen Untersuchungen zur Erholung der Alz und der aquatischen Fauna, nicht um die Unterschiede bei der Vergiftung.

[3] Dies zeigt, dass 30 Jahre schon genügen, um Informationen weitgehend verschwinden zu lassen. Dabei sind Messungen zur Fischfauna an der Hohenwarter Brücke von 1982 und 1989 anscheinend vergleichbar, was auf eine zwischenzeitliche Erholung hinweist. Wenn belastbar, wäre dies eine wichtige Information gewesen!

[4] Am Pegel bei Burgkirchen fließt eine mittlere Wassermenge von 12,7 m3/sec, bei Seebruck von 52 m3/sec; dazu kommt noch die Traun mit 11 m3/sec bei Altenmarkt und weitere Nebenflüsse und Bäche. Die 5 m3 Restwassermenge müssen in der Alz als Mindestwassermenge bei der Abzweigung der Hauptwassermenge in den Alzkanal zur Verstromung verbleiben.

[5] Am 13. 3. wurde uns damit unrichtig von InfraServ mitgeteilt, dass dieses Aufschäumen nichts mit dem Unfall zu tun gehabt hätte.

[6] 5700 kg Fettamin lagerten vor dem Brand im Brandgebäude, 4700 sind im Fettabscheider und 200 kg in den Rückhaltebecken geblieben; d.h. es fehlen 800 kg Fettamin, die verbrannten oder in die Alz gelangten

[7] Bisher haben wir nicht erfragen können, wer diese Daten hat. So erklärte LRA und WWA, dass InfraServ das wisse; am 29. 5. verwies InfraServ auf LRA und WWA!!!

[8] Aufgrund zumindest unglücklicher Äußerungen des Werksleiters Dr. Langhammer oder der Pressestelle des Werkes entstanden Zweifel, ob das Werk die Verantwortung für diesen Unfall übernimmt und die Schäden begleichen würde.

[9] Beim Gespräch vom 29. 5. verweist WL Langhammer auf die Unabhängigkeit der einzelnen Firmen im Werk Gendorf; nach u.M. sollte aber InfraServ mit seiner Öffentlichkeitsstelle zumindest Empfehlungen in dieser Richtung geben können.

[10] Der wilde Alzfluss mit schweren Hochwässern (die letzten 1815, 1869, 1892, 1896, 1899) wurde im oberen Teil ab etwa 1910 und im unteren Teil ab 1911/12 „korrigiert“, d.h. die Flussbreite wurde von teils bis 1 km auf 65 m Breite und weniger verengt. Die Hochwässer hatten regelmäßig die fluss-nahen Mühlen und Mühlbäche zerstört, so dass diese teilweise schon relativ früh aufgegeben wurden.  Ab etwa 1917 haben die Alzwerke zuerst im unteren Teil die ganzen Mühlenrechte übernommen und dann auch mit dem Alzkanal die Restwassermenge im unteren Teil stark verringert (ANA, 28. 3. 2012, S. 31); damit wurde einmal die Hochwassergefahr, allerdings auch die Eignung der unteren Alz als Vorfluter extrem verringert. Heute versucht man wieder an einigen Punkten die Alz aufzuweiten, die verlorenen Auengebiete wieder zu renaturieren.

[11] Interessant ist, dass bei Gründung des als kriegswichtig eingeschätzten Werkes Gendorf (damals Anorgana) um 1940 über eine Abwasserleitung bis in den Inn diskutiert wurde; schon zu diesem Zeitpunkt floss ja in der unteren Alz nur noch wenig Wasser. Im 2. Weltkrieg hatte man dann aber andere Prioritäten. Darüber berichtet anscheinend ein Archivschriftstück R 121.2851 (wir fragen nach).