Muscheln im Marktler Badesee und in anderen bayerischen Gewässern

Im wissenschaftlichen System werden die Muscheln nach verwandtschaftlichen Zusammenhängen und verwandtschaftlichen Beziehungen eingeteilt. Die Grundkategorie dieses Systems der Klassifizierung ist die Art (spezies). Arten, die nahe verwandt erscheinen, werden in Gattungen zusammengefasst, nahe verwandte Gattungen in Familien usw. In der Grundbenennung tragen alle Arten einen zweiteiligen Namen. Die erste Bezeichnung bezieht sich auf die Gattung, die zweite auf die Art, wobei der Gattungsname groß, der Artname klein geschrieben wird.
Die Muscheln gehören zum Stamm der Weichtiere (Mollusca) und dort wiederum zum Unterstamm der Schalenweichtiere (Conchifera). Weiterhin werden unsere heimischen Muscheln unterteilt in die Klasse : Muscheln – Bivalvia, Ordnung: Blattkiemer – Eulamellibranchiata, Unterordnung: Gespaltenzähnige Muscheln – Schizodonta, Überfamilie: Najaden – Unionoidea, Familie: Flussmuscheln – Unionidae.
Zur Gattung Unio gehören:
 Malermuschel – Unio pictorum
 Gemeine oder Dicke Flussmuschel – Unio crassus
Zur Gattung Anodonta gehören:
 Große Teichmuschel oder Schwanenmuschel – Anodonta cygnaea
 Gemeine Teichmuschel oder Entenmuschel – Anodonta anatina
Zur Gattung Pseudoanodonta zählt die Flache Teichmuschel – Pseudoanodonta complanata.
Eine weitere in Bayern heimische Muschel, die aber kalkhaltige Gewässer mit hohem Säurebindungsvermögen meidet und zur Familie der Flussperlmuscheln – Margaritiferidae, Gattung Margaritifera zählt, ist die Flussperlmuschel Margaritifera margaritifera oder auch Margaritana margaritifera genannt.
Weiterhin trifft man in unseren Gewässern immer häufiger eine Muschel an, die zur Unterordnung der Wechselzähnigen Muscheln (Heterodonta) gehört und zwar zur Überfamilie Dreissenidae, Gattung Dreissena. Es handelt sich um die Wandermuschel oder Dreiecksmuschel – Dreissena polymorpha, auch Dreissena pallas genannt.
Die Muscheltiere bewohnen je nach Wasserchemismus und Wasserströmung verschiedene Habitate. So liebt die Flussperlmuschel kühle, rasch fließende Bäche der Urgebirge mit kalkarmem Wasser und kiesigem Grund. Die Wassertemperatur soll 14 ° C nicht überschreiten. Sie besitzt eine dunkelbraune, sehr dickwandige, nierenförmige Schale, Wirbel meist stark zerfressen. Die Innenseite der Schalen ist mit einer bläulich-weißen Perlmuttschicht überzogen. Die Muschel wird etwa 15 cm lang und sechzig Jahre alt und gräbt mit ihrem Fuß, das spitze Ende der Strömung zugekehrt, im sandigen und kiesigen Grund. Die Tiere bilden manchmal so dicht gedrängte Kolonien, dass der Bachboden wie gepflastert erscheint. Sie filtrieren aus dem aufgesogenem Atemwasser kleinste planktonische Pflanzen und Detritus. Zu früheren Zeiten wurde die Flussperlmuschel als Perlenlieferant bewacht und gepflegt. Heute sind die Bestände ausgedünnt und müssen durch Biotoperhaltung geschützt werden. Die Flussperlmuschel weist eine eigenartige Form der Brutpflege auf. Ihre Eier, zwischen 500tausend und einer Million gelangen aus den Eierstöcken in die Interlamellarräume der Kiemen, wo sie mit den mit dem Atemwasser aufgenommenen Samenzellen befruchtet werden. Sie entwickeln sich im Laufe von etwa vier Wochen zu winzigen Larven (Glochidien) mit zwei dreieckigen und mit einem beweglichen Haken ausgerüstete Schalen und einem langen Haftfaden. Gegen Ende Juli/August werden sie von der Mutter durch die Kloakenöffnung ins freie Wasser ausgestoßen, wobei ihre Eihülle platzt und die Tiere frei werden. Zur weiteren Entwicklung müssen sie mit dem Atemwasser an die Kiemen junger Bachforellen oder Elritzen gelangen, an denen sie sich festsetzen.
Teichmuschellarven dagegen heften sich meist an die Flossenränder verschiedener cyprinidenartiger Fische; sie liegen in kleinen Klumpen auf der Schlammoberfläche und klappen, sobald ein Fisch näher kommt, rasch ihre Schalen auf und zu. Nur wenigen gelingt es, eine Flosse zu berühren und ihr Schalenhakenpaar in diese hinein zu schlagen. Die Haut des befallenen Fisches umwuchert in kurzer Zeit die angeheftete Larve. Es bildet sich eine Zyste, in der das Clochidium liegt und sich als Parasit vom Wirtsgewebe ernährt. Die Entwicklung der Larve dauert je nach Wassertemperatur zwei bis zehn Wochen, dann platzt die Zystenhülle und die fertigen kleinen Muscheln fallen zu Boden, wo sie ein neues Leben beginnen.
Die Malermuschel, die etwa 10 cm Größe erreicht, lebt in Flüssen, Bächen und Seen. Ihre Schalen verwendeten die Maler früher als Anrührschalen für Wasserfarben. Die dicke oder Gemeine Flussmuschel dagegen lebt nur in fließenden Gewässern. Diese beiden Arten neigen dazu, standortbedingte Formen auszubilden.
Die Große Teichmuschel, auch Schwanenmuschel genannt, wird bis 20 cm lang und bevorzugt stillere Gewässer. Da die kleinen Schwebeteilchen, die der Muschel als Nahrung dienen, ihr meist nicht mehr vom Wasser entgegen getragen werden, bewegen sich die Tiere mit zitterndem Rütteln im Schlamm und wühlen den Grund auf, um den aufgewirbelten Bodensatz in ihrer Mantelhöhle nach Nahrung abzufiltrieren. Auch die Teichmuscheln neigen dazu, je nach den örtlichen Lebensbedingungen verschiedene Standortformen auszubilden.
Die Gemeine Teichmuschel, auch Entenmuschel genannt, ist eine sehr variable Art mit zahlreichen Lokalrassen und ausgeprägtem Kiel. Ihr Lebensbereich entspricht dem der Schwanenmuschel.
Die flache Teichmuschel hat Ähnlichkeit mit der Schwanenmuschel, hat aber, wie ihr Name schon sagt, einen flacheren Körperbau und ist stärker gekielt. Auch sie lebt ausschließlich in Stillgewässern.
Ein Exote unter unseren heimischen Muscheln ist die Wandermuschel, auch Dreiecksmuschel genannt. Die bis etwa 4 cm große Muscheln sind eigentlich Mehresbewohner und wurden um 1800 herum von Schiffen, wo sie sich am Rumpf anhefteten, ins Süßwasser eingeschleppt. Die schnelle Verbreitung wurde dadurch begünstigt, dass sie die für viele Meeresmuscheln kennzeichnende Entwicklung über die frei schwimmende Segellarve (Veliger) auch im Süßwasser beibehalten. Die Wandermuscheln sind die einzigen Süßwassermuscheln mit Byssusfäden, mit denen sie sich an andere Muscheln, Steinen und versunkenen Ästen anheften. Auch hat sie die Fähigkeit, einen hohen als auch einen niederen Salzgehalt des umgebenden Wassers zu ertragen.Schließlich sind unter den heimischen Arten noch die Kugelmuschel Sphaerium rioiola mit bis zu 2 cm Länge und die Hornfarbige Kugelmuschel Sphaerium corneum mit etwa 1 cm Länge zu erwähnen. Letztere lebt nicht nur am Grund der Bäche, sondern klettert gern auf allerlei Pflanzen umher, wobei sie sich ähnlich wie eine Spannraupe durch langsames Kriechen fortbewegt. Ähnlich bewegt sich auch die etwas kleinere Haubenmuschel Sphaerium lacustre, die kleine Tümpel bewohnt. Die kleinsten Muscheln überhaupt finden wir in der Gattung Erbsenmuscheln (Pisidium), die zum Teil an der Wasseroberfläche hängend kriechen können. Es gibt viele Arten, die nur schwer voneinander zu unterscheiden sind. Die bekannteste ist die Gemeine Erbsernmuschel Pisidium casertanum, die stillere Gewässer bevorzugt und an der Wasseroberfläche bis in größere Tiefen vorkommt.
Für unsere Gewässer sind die Fluss- und Teichmuscheln von großer Bedeutung, da jedes einzelne Tier stündlich bis über 40 Liter Wasser durch ihre Filtervorrichtung strömen lässt. Würden die Muscheln eines Gewässers vernichtet, würde das biologische Gleichgewicht stark gestört werden.

Im Marktler Badesee, Landkreis Altötting, konnte ich bei meinen Tauchgängen im Jahre 2005 die Malermuschel Unio pictorum finden, die im seichten sowie im tiefen Wasser im kiesig-sandigen Boden anzutreffen ist und mit ihrem fleischigen Fuß den Boden durchpflügt und dabei meterlange Spuren hinterlässt. An den tiefen Stellen, wo der kiesige Boden vom schlammigen Untergrund abgelöst wird, lebt die Schwanenmuschel und die Entenmuschel in zahlreichen Lokalrassen. Auf manchen dieser Muscheln und auch auf versunkenen Ästen sitzen mit Byssusfäden angeheftet die Dreiecksmuscheln. Allerdings ist die Population dieser Exoten im Marktler Badesee noch nicht so stark vertreten, dass sie unsere heimischen Muschelarten gefährden.
Der derzeit größte Feind der heimischen Muscheln im Badesee dürften die Bisamratten sein, zu deren Nahrung auch Muscheln gehören. Diese Ratte zählte ursprünglich nicht zur heimischen Tierwelt und wurde 1905 aus Nordamerika eingeführt. Man findet deren aufgeknackte Muschelschalen in Ufernähe in größerer Menge in so genannten Schalenfriedhöfen. Dennoch ist zur Zeit ein gesunder Muschelbestand in diesem Flachwassersee vorhanden, was für eine gute Wasserqualität spricht.

Günter Geiß