Bitterlinge, schillernde Juwele in unseren Altwässern

Die hochgradig spezialisierte Fortpflanzung der Bitterlinge mithilfe von Muscheln trägt auch zu deren Fortbestehen bei.

Der Bitterling, dem Bloch 1782 den lateinischen Namen Rhodeus sericeus amares gab, lebt in fast ganz Mittel- und Osteuropa nördlich der Alpen, von Nordfrankreich bis zum Uralfluss. Der Fisch lebte vor der Eiszeit auch in Sibirien, wo es heute verschiedene Unterarten gibt. In Deutschland lebt der Europäische oder Gewöhnliche Bitterling als einzige Art.

Die kleine, großschuppige Fischart mit halbunterständigem Maul hat einen hohen, seitlich zusammengedrückten Körper mit graugrün gefärbtem Rücken und einem blauen Fleck hinter den Kiemendeckeln. Über die Mitte der Seiten zieht sich ein leuchtender blaugrüner Streifen. Die Flossen des maximal 9 cm großen Fisches sind relativ kurz und bei den Weibchen stets ungefärbt, After- und Rückenflosse bei den Männchen sind auch außerhalb der Laichzeit leicht rosa. Während der Laichzeit erscheinen die Farben der Männchen intensiver und an zwei Stellen über dem Maul und über dem Auge erscheinen Perlorgane. Die vordere Bauchseite und die Brust werden intensiv rotviolett und der Hinterkörper trägt eine blaugrün schimmernde Längsbinde. Der Bitterling kann 4 bis 5 Jahre alt werden, ist nicht besonders anspruchsvoll, lebt gern in den Pflanzenbeständen der Uferbereiche von Gewässern mit schlammigem und sandigem Untergrund mit größeren Muschelbeständen der Gattungen Anodonta oder Unio. Der Schwarmfisch lebt gesellig, verträgt Wassertemperaturen bis 25 Grad Celsius und kommt auch mit niederen Sauerstoffwerten zurecht. Die Fische ernähren sich hauptsächlich von kleinen wirbellosen Tieren, Insektenlarven, Krebstierchen, Würmern, Zoo- und Phytoplankton und gründeln gern in mit Pflanzen durchsetzter Bodenfauna.

Die Fische werden im Alter von 2 bis 3 Jahren geschlechtsreif und pflegen eine hochgradig spezialisierte Fortpflanzung. Die Laichzeit dauert oft mehrere Monate von April/Mai bis August. Die Männchen tragen dann ihr Hochzeitskleid und bei den Weibchen entwickelt sich hinter der Afteröffnung die Geschlechtspapille zu einer etwa 5 cm langen rosa Legeröhre. Das Männchen sucht eine passende, in den Grund eingebohrte Teich- oder Malermuschel, umwirbt das Weibchen und versucht es mit einem komplizierten Ritual an seine Muschel zu locken. Schließlich führt das Weibchen seine Legeröhre in das Atemloch der Muschel und legt dann einzeln bis zu 40 Eier ab, die sich im Kiemenraum der Muschel festsetzen. Das Männchen gibt seine Spermien darüber und durch das Atemwasser der Muschel gelangen diese ins Innere und befruchten die Eier. Gelegentlich lockt das Männchen mehrere Weibchen zu seiner Muschel. Dieser Vorgang wird auch an anderen Muscheln wiederholt. Die Weibchen produzieren aber nie mehr als 100 Eier pro Laichperiode. Da verschiedene Bitterlingspärchen oft dieselbe Muschel benutzen, können im Inneren mehr als 100 Eier in verschiedenen Entwicklungsstadien enthalten sein. Der Muschel entsteht dadurch kein Schaden. Die länglichen, gelben durchschnittlich 3 mm großen Eier entwickeln sich geschützt vor Fressfeinden im Mantelraum der Muschel, wo sie nach 2 bis 3 Wochen schlüpfen. Die Jungfische tragen hornartige Auswüchse am Kopf, so dass sie nicht aus der Muschel herausgespült werden können. Erst wenn sie etwa 11 mm groß sind und der Dottersack aufgebraucht ist, verlassen sie über die Kloakenöffnung die Muschel und nehmen sofort kleinste Nahrungsteilchen auf. Durch diese spezialisierte Fortpflanzungsmethode profitieren nicht nur die Bitterlinge. Auch die Larven (Clochidien) der Muscheln heften sich an den Kiemen und auch am Bauch der Fische fest und werden somit mit ausreichend Nahrung versorgt. Nach einer gewissen Entwicklungsphase lösen sie sich und lassen sich in das Bodensubstrat fallen, wo sie dann zur fertigen Muschel heranreifen.

Bei der Fischartenkartierung mittels Elektrogerät werden Bitterlinge in unseren Stillgewässern zwischen Inn und Salzach des Öfteren nachgewiesen, manchmal auch in langsam fließenden Flussabschnitten, wo sie wahrscheinlich bei Hochwasser zugewandert sind. In der Peracher Lacke konnte ich vor einiger Zeit beim Köderfischefangen mit dem Kescher etliche kleine Rotaugen zusammen mit vereinzelten Bitterlingen aus dem Wasser schöpfen, wobei die Bitterlingsmännchen durch ihr grünblau schimmerndes Hochzeitskleid nicht zu übersehen waren. Ich freute mich über den seltenen Fang und setzte sie wieder behutsam in ihr nasses Element zurück.

Durch Unterhaltsmaßnahmen und durch Gewässerverschmutzung sind die Muschelbestände vielerorts zurückgegangen und abhängig davon ist der Bitterling, der seinen Namen durch sein bitter schmeckendes Fleisch trägt, in manchen Regionen eine gefährdete Fischart geworden. In unseren Wasserlandschaften zwischen Inn und Salzach gibt es genügend geeignete Gewässer, in denen sich Teich- und Malermuscheln wohlfühlen und so zum Überleben der Bitterlinge beitragen.

Günter Geiß