Der Dreistachlige Stichling, ein abwassertoleranter Barsch

Zur Laichzeit sind die Stichlingsmännchen sehr aggressiv und brauchen ein eigenes Revier.

Linne ordnete 1758 die Dreistachligen Stichlinge mit dem lateinischen Namen Gasterosteus aculeatus in die Wissenschaftliche Nomenklatur ein. In Europa kommt der Dreistachlige Stichling im Süßwasser als auch im küstennahen Salz- und Brackwasser in verschiedenen marinen Wanderformen vor. In manchen Gebieten vermehrte sich der Stichling so massenhaft, „daß er zur Tranbereitung und als Düngemittel verwendet wurde“, so nachzulesen in „Süßwasserfische Deutschlands“ von Dr. Walter Hein, Ausgabe 1909.

Die isolierten Bestände in geschlossenen Binnengewässern bestehen fast ausschließlich aus der schwach gepanzerten forma leiurus, die nur auf den Brustseiten Schilder tragen. Die Panzerung mit Knochenplatten ist geringer und kann in südlichen Gegenden Europas ganz fehlen. Der Körper der 5 bis 8 cm großen Süßwasserform ist gedrungen, die Schnauze ist spitz, der Kopf sehr lang mit großen Augen und endständiger kleiner Mundspalte. Die 3 spitzen Stacheln vor der Rückenflosse kann der Fisch mithilfe eines Sperrgelenks fest aufstellen. Im Kampf mit Nebenbuhlern sind auch die Stacheln vor den Bauchflossen, die sich ebenfalls durch ein Sperrgelenk aufspreizen lassen, eine wirksame Waffe. Bei forma leiurus sind beide Geschlechter häufig längs der Körperseiten in wechselndem Ausmaß schwarzbraun auf hellem Grund marmoriert. Die Färbung außerhalb der Laichzeit ist wechselnd, meist blaugrün bis olivgrün am Rücken, erzfarben an den Seiten. Der Bauch ist weiß, die Flossen durchsichtig und farblos, die Brustflossen großflächig. Die Rückenflosse ist weit nach hinten gerückt. Die Bewohner der Binnenseen bleiben schlanker als Stichlinge aus Fließgewässern.

Der gesellige aber sehr streitsüchtige Fisch ist recht abwassertolerant und lebt außerhalb der Fortpflanzungszeit in losen Schwärmen in Gräben, Bächen, klaren Flüssen, Kanälen und auch in strömungsarmen Bereichen schnell fließender Gewässer. Das Wohngewässer sollte feinkörnige Substrate enthalten wie Sand, Schlamm und auch spärlichen Wasserpflanzenbewuchs, sowie Totholz. Bei Elektrofischen zur Kontrolle des Fischbestandes werden immer wieder in den kleinen Bächen und Gerinnen der Wasserlandschaften zwischen Inn und Salzach auch größere Stichlingspopulationen nachgewiesen. Auf der linken Uferseite der Salzach in ihrem Mündungsbereich lässt sich der Dreistachlige Stichling zwischen Schwemmholz und Totholz der einst von Bibern gefällten Bäume in lockerer Population nachweisen. Der Stichling ist ein Bruträuber, nimmt auch Bodenfauna, Würmer, Kleinkrebse und Insektenlarven und alle zu bewältigenden Wassertiere.

Von April bis Juni entwickeln die Männchen ihr Hochzeitskleid, wobei ihr Bauch und die Brust lebhaft kirschrot gefärbt sind. Ihr Rücken färbt sich blaugrün und die Iris der Augen funkelt silberblau. Alle Hochzeitsfarben wechseln in ihrer Stärke und sind ein Anzeiger der geschlechtlichen Erregung des Männchens. Hat das Männchen sein Prachtkleid angelegt, beginnt es mithilfe seiner Brustflossen eine Grube auszuwedeln um mit umherliegenden Pflanzenfasern oder auch mit dem Mund ausgerissenem Pflanzenmaterial ein Nest zu bauen. Die ausgehobene Grube wird zunächst mit Nestmaterial angehäuft. Das Männchen streift mit gekrümmtem Körper und zitterndem Schwanz- und Bauchflosse über das Nestsubstrat, das es mit einem Nierensekret verklebt. Mit horizontalen Maulstößen wird die eigentliche Nesthöhle geformt und um die Ränder der Umgebung anzupassen, werden sie noch mit Sand bespuckt. Anschließend schwimmt das Männchen in die Bruthöhle und zwängt sich durch die weniger stark befestigte Rückwand, die wieder locker verschlossen wird. Im Paarungsverhalten der Stichlinge löst jede Handlung des Männchens die nächstfolgende des Weibchens aus. Präsentiert ein Weibchen seinen prallen Bauch, löst dieses beim Männchen ein Entgegenschwimmen in Form eines Zick-Zack-Tanzes aus, was das Weibchen wiederum bewegt auf dieses zu zuschwimmen. Nun zeigt das Männchen seitlich liegend dem Weibchen den Nesteingang und veranlasst es, ihm zu folgen, was wiederum das Männchen veranlasst, seinen Kopf in den Nesteingang zu stecken. Daraufhin schwimmt das Weibchen ins Nest, wo das Männchen an ihrem Schwanzstiel und am Rücken herumstochert. Auch hämmert es mit raschen Schnauzenschlägen gegen ihren Leib, worauf dieses ablaicht. Die frischen Eier veranlassen das Männchen diese zu besamen. Ist das Nest hinreichend mit Eiern befüllt, schlüpft das Weibchen nach hinten durch die dünne Nestwand ins Freie. Anschließend vertreibt das Männchen das Weibchen vom Nest.

In der nächsten Zeit treibt das Männchen mehrere der umherstreifenden Weibchen hintereinander in sein Nest, in dem diese wiederum einen Teil ihrer Eier ablegen, die sogleich vom Männchen besamt werden. Nach der Eiablage wird das Weibchen stets vom Nest verjagt und das Männchen übernimmt allein die Pflege und Bewachung des Geleges. Es repariert das Nast, vertreibt Laichräuber und fächelt den Eiern mit seinen Brustflossen sauerstoffreiches Frischwasser zu. Im Nest befinden sich mehrere hundert etwa eineinhalb Millimeter große Eier, aus denen je nach Wassertemperatur nach vier bis fünfundzwanzig Tagen die Jungen schlüpfen, die bis zur Aufzehrung ihres Dottersackes im Nest bleiben. Verlassen die Jungen das Nest, sind sie stark gefährdet und das Männchen nimmt sie mit dem Mund auf und spuckt sie wieder ins Nest. Bis sich die Jungen selbst überlassen werden können, attakiert das Männchen Nebenbuhler, auch Weibchen und andere Tiere. Die Jungen halten sich noch etwa eine Woche im Nest auf ehe sie in Schwärmen nach Kleintieren zwischen Pflanzenbeständen jagen. Geschlechtsreif werden die Stichlinge Ende des zweiten Jahres und können ein Alter von 3 bis 4 Jahren erreichen. Das Männchen kann in einer Saison bis zu 4 Mal ein Nest bauen, was mitunter mit derartigen Anstrengungen verbunden ist, dass sie oft den Herbst nicht mehr erleben. In der „Roten Liste Bayern“ steht der Dreistachlige Stichling als nicht gefährdet.

Günter Geiß