Der Flussaal, ein fossiler Lebenskünstler

Vor 60 Millionen Jahren war der riesige Atlantik ein Binnenmeer zwischen Amerika, Europa und Afrika, das etwa die Größe des heutigen Mittelmeeres hatte. Dort laichte bereits der Uraal und stieg in die zahlreichen Flüsse auf, die als Wohngebiete für ihn in Frage kamen. Nachdem die Kontinente auseinander trifteten, dürfte dieses damalige Binnenmeer des Uraales etwa der heutigen Lage des Sargassomeeres entsprechen. Deshalb teilen sich heute noch der amerikanische und der europäische Aal diesen gemeinsamen Laichplatz. Wir wissen heute mit Sicherheit, dass der europäische Aal, Anguilla anguilla, im Sargassomeer an der mittelamerikanischen Küste über einer Tiefe von 6000 m in etwa 300 bis 500 m Tiefe ablaicht und dann stirbt. Die etwa 1mm großen Eier, die mit einer Ölkugel behaftet sind, triften nach dem Ablaichen bis nahe an die Oberfläche. Dort fand man in engmaschigen Netzen etwa 5 mm lange Aallarven, die zunächst passiv durch die Meeresströmung triften. Die Larven des Europäischen Aales treiben weiter mit dem Golfstrom und dem Nordatlantikstrom quer über den Atlantik über die weite Strecke von 6000 km den europäischen Küsten entgegen, die sie nach etwa 3 Jahren erreichen. Sie ernähren sich vorwiegend von Plankton und nähern sich unseren Küsten mit ca. 65 bis 80 mm Länge. Nach Erreichen der 100-m-Tiefenlinie beginnen die Larven sich vom Larvenstadium in das Glasaalstadium umzuwandeln. Der seitlich zusammengedrückte, weidenblattförmige Körper nimmt die typische Aalgestalt an, bleibt zunächst durchsichtig und verliert etwas an Länge. Diese Glasaale versammeln sich an der Küste, um in die Flüsse aufzusteigen, wobei sie bei der Überwindung von Hindernissen wahre Meisterleistungen zeigen. Nur wenige Aale erreichen die Donaumündung, da sie im Schwarzen Meer in ihrer Wandertiefe von 100 m giftiges, schwefelwasserstoffhaltiges Wasser vorfinden. Die meisten Aale in der Donau und in ihren Nebenflüssen stammen aus Besatz, auch die in Salzach und Inn, wobei sie, ihrem Wandertrieb gehorchend, sämtliche ihnen zugänglichen Gewässer besetzen. Die Aale im Wöhrsee steigen aus der Salzach auf, denn sie finden auch unterirdische Zuläufe und Fallrohre zum oberhalb gelegenen Badesee. Anquilla kann sich notfalls lange Zeit an Land aufhalten. Seine Kiemen sind durch eine Hauttasche geschützt, die er an Land aufspreizt und dadurch einen Luftraum um die Kiemen schafft. Die restliche Sauerstoffversorgung erfolgt über die feuchte Körperoberfläche. Bei Temperaturen unterhalb 10 Grad kann der Aal bei feuchter Umgebung tagelang an Land ausharren. Sehr junge Aale haben zunächst nur weibliche Keimdrüsen, während bei einem Überbesatz die meisten Aale im Wachstum zurückbleiben und männliche Keimdrüsen ausbilden, findet man bei geringerer Besatzdichte z.B. in einem großen Teich meist Weibchen, die bis zu 150 cm Länge und bis zu einem Gewicht von 6 kg heranwachsen können. Aale können nachweislich in Aquarien bis zu 4 Jahre ohne Nahrungsaufnahme leben und bis 50 Jahre alt werden. Das Auftreten von räuberischen Breitköpfen und Kleintier fressenden Spitzköpfen ist vermutlich eine Erbanlage. Der größere Raubaal ist ziemlich standorttreu und nach etwa 8 bis 15 Jahren findet bei ihm und auch bei den Spitzkopfweibchen eine eigenartige Umwandlung statt. Diese Gelbaale werden schwarz auf dem Rücken und silbern auf der Bauchseite. Mit zunehmender Geschlechtsreife erfolgt eine erstaunliche Umwandlung des Auges, wobei der für die Lichtwahrnehmung verantwortliche Teil sich erheblich vergrößert und die geringe Lichtintensität in großen Tiefen besser ausgenutzt werden kann. Verdauungsorgane werden abgebaut und für die Laichbildung verwendet. Um genügend Energie für die weite Wanderung ins Sargassomeer zu haben, hat der Blankaal seinen Fettgehalt auf ca. 30 % erhöht. Die Abwanderung in die Flüsse erfolgt im Spätherbst, meist nachts und bei stürmischem Wetter. Auch aus Binnenteichen schlängeln sie sich nachts über taufeuchte Wiesen zum nächsten Fluss. Nun geht die Reise flussabwärts der Küste entgegen, wo sie von den Männchen erwartet werden. Die weiblichen geschlechtsreifen Aale aus Salzach, Inn, Wöhrsee und anderen bayerischen Gewässern werden also zu gegebener Zeit flussabwärts wandern in Richtung Donau. In mehr als 20 Kraftwerken im Inn und in der Donau bis zur Mündung ins Schwarze Meer werden sie in den Turbinen verletzt und dienen mit gebrochenem Rückgrat oder zerstückelt möglicherweise noch so manchem Raubfisch als Futter. Keiner dieser im Donaugebiet abwandernden Aale überlebt das letzte Wasserkraftwerk zum Schwarzen Meer und keiner wird jemals die lange Reise zu den Laichplätzen im Sargassomeer über den großen Teich antreten können.

Günter Geiß