Der Hecht, Esox oder Wasserwolf

„Hungriger Wolf“, so wurde 1758 von dem Naturforscher Carl v. Linne unser einheimischer Hecht mit dem Namen Esox lucius bezeichnet. Dass der Hecht einst für Katholiken auf dem Index stand, ist sicherlich auf die früher verbreitete Ansicht zurückzuführen, dass Hechte ausgesprochene Mördergeschöpfe seien. „Der Hecht ist ein wilder, heißhungriger Fisch, der überall im Süßwasser vorkommt und ewig wie ein Straßenräuber auf der Lauer liegt, um zu morden, was in die Nähe kommt,“ so ein Zitat aus dem 17. Jahrhundert. Der angeblich unbegrenzte Appetit der früheren Hechte stammt sicherlich aus übertriebenen Fischererzählungen, da wir wissen, dass unsere heutigen Hechte ebenso gut ihre Fastenzeiten haben wie ihre Fressperioden.

Der Hecht lebt als Standfisch in fließenden Gewässern wie Inn und Salzach und auch in unseren Badeseen und Altwässern mit verkrauteten Uferpartien. Der Räuber ist an seiner charakteristischen Körperform zu erkennen. Die Rückenflosse und die Afterflosse des langgestreckten Körpers sind so weit nach hinten versetzt, dass sie zusammen mit der Schwanzflosse ein einheitliches Antriebsaggregat darstellen. Wechselt ein Hecht sein Revier, so ändert er mit der Umgebung auch seine Färbung und passt sich dem neuen Standort an. Mit seinen großen Fangzähnen des Unterkiefers und den kleineren, nach hinten gebogenen Haltezähnen packt er seine Beute und dreht sie so lange im Maul, bis er sie, Kopf voran, verschlucken kann. Seine Zähne können scharnierartig nach hinten umgeklappt werden, so dass ein Passieren der Beute nur Richtung Magen möglich ist. Als Augentier reagiert er besonders auf Bewegungen und jagt seine Beute im schnellen, kraftvollen Stoß. Ich selbst habe des öfteren erlebt, wie in der Engelmannlacke im Spätherbst die Hechte die dünne Eisschicht, die sich bei Nachtfrost gebildet hatte, mit einem kräftigen Stoß durchbrochen haben, wobei kleine Fischchen auf die Eisfläche geschleudert wurden, wo sie zappelnd liegen blieben.

Die Laichzeit fällt je nach Witterung in die Monate Februar bis Mai, wobei die Fische verkrautete Uferstellen aufsuchen. Die Weibchen werden meist von mehreren Männchen begleitet, die sich heftige, manchmal auch tödliche Kämpfe liefern.

Beim Paarungsakt stößt das Männchen, oft sind es mehrere, mit seinem Kopf gegen die vordere Körperhälfte des Weibchens, mit kräftigen Schlägen der Brust- und Bauchflossen. Auf dem Höhepunkt des Paarungsaktes stößt sich das Männchen durch einen Schlag mit der Schwanzflosse vom Weibchen ab und drückt die Milch in einer schnell sich ausbreitenden Wolke in das Wasser, wobei das Weibchen seinen Rogen abgibt. Es kommt nicht selten vor, dass unmittelbar nach dem Laichakt das Weibchen das Männchen verspeist. Bis zu 45tausend Eier pro Kilogramm Körpergewicht werden abgegeben. Der klebrige Laich haftet an Pflanzen fest und auch an den Füßen und im Gefieder von Wasservögeln, durch das er in kleinere Gewässer getragen wird, wo sein Vorkommen sonst unerklärlich wäre. Je nach Wassertemperatur erwachen die Hechtlein nach 10 bis 30 Tagen und heften sich anschließend mit Klebedrüsen an Wasserpflanzen und Wurzelwerk. In der folgenden Ruhezeit ernähren sie sich von den Vorräten des Dottersackes und nach etwa 2 Wochen zeichnet sich die endgültige Hechtform ab.

Junghechte ernähren sich erst von Planktontierchen und schon mit 3 bis 4 cm Länge haben sie sich auf kleine Fische umgestellt. Schon im Herbst seines Geburtsjahres kann der Hecht bei günstigen Bedingungen eine Länge von 18 cm erreichen. Bei der Nahrungsaufnahme wird der kleine Hecht, wenn er Beutetiere von verschiedener Größe vor sich hat, immer die größeren Objekte anfallen. Die Art seiner Erbeutung hat einen starken Schnappreflex entwickelt. So hab ich in der Marktler Lacke einen etwa maßigen Hecht mit dem Blinker gefangen, der 2 Steine mit einem Durchmesser von 4 cm und 7 cm im Magen hatte. Wahrscheinlich haben spielende Kinder diese Steine ins Wasser geworfen. Der Fisch war stark abgemagert, da diese Steine seinen Magensack verstopften. 

Mit zunehmendem Alter wird seine Speisekarte immer reicher. Frösche, Ringelnattern, Ratten, Mäuse, Jungvögel wie Entenkücken und auch Krebse gehören zu der willkommenen Ergänzung seiner normalen Nahrung. In der Dreieckslacke am Innspitz ging mir ein etwa 65 cm langer Hecht an die Angel, dessen Bauch wie ein Rucksack voller Hirschgeweihe aussah. Beim Ausnehmen konnte ich einen ausgewachsenen Seefrosch bergen. Männchen werden nicht so groß wie Weibchen, etwa 90 bis 100 cm lang und 10 bis 14 Jahre alt. Weibchen wachsen schneller als Männchen und können bis 1,5 m Länge erreichen und ca. 35 Kg schwer und über 30 Jahre alt werden. Im November 1988 wurde beim Elektrofischen im abgesenkten Wöhrsee ein Hecht von 1,34 cm Länge ins Boot gezogen. Bei der Versteigerung an der Weihnachtsfeier des Fischereivereins war er ein willkommenes Vorzeigeobjekt.

Ein großer Hecht mag Beutefische von 10 bis 20 % seines Eigengewichtes. Er braucht einige Zeit zum Verdauen und ist deshalb nicht ständig auf der Jagd. Es gibt also lange Zeiten, in denen der große Hecht satt ist und verdaut und kurze Zeiten in denen er frisst. Anders bei den kleinen Hechten, bei denen die Beute hauptsächlich aus kleinen Fischchen besteht. Sie müssen fleißig sein, um satt zu werden und sind fast ständig auf der Jagd.

 Es ist kein einziger Fall bekannt, dass Hechte schwimmende Badegäste im klaren Wasser angegriffen hätten. Als Flachwassertaucher bin ich im Marktler Badesee und auch im Wöhrsee großen Hechten begegnet und wollte sie auch anfassen. Man kommt ihnen auch tatsächlich sehr nahe, bevor sie die Flucht ergreifen. Aber Angriffe auf mich konnte ich noch nie erleben. Der Name Süßwasserhai ist ungerechtfertigt und Wasserwolf nur während seiner Beißzeiten, um sich seinen Magen vollzuschlagen. Dann kommt es aber auch vor, dass Hechte eine große Beute nicht sofort verschlucken können und der Schwanz des Beutefisches noch eine zeitlang aus seinem Maul herausragt, aber mit fortschreitendem Verdauungsprozess der Fang dennoch bewältigt wird. Hechte nehmen in Ausnahmefällen auch Futterfische, die etwa der halben Länge seiner selbst entsprechen. Auch werden in seltenen Fällen gleich große Artgenossen bei Revierkämpfen angefallen, wobei beim Versuch, ihn zu verschlucken, beide ersticken.

 

Günter Geiß