Karpfen – Haustiere in unseren Gewässern

Wöhrseekarpfen. Ein unvergessliches Bild, wie sie mit ihrem Saugrüssel ganze aufgeweichte Semmeln von der Wasseroberfläche mit schmatzenden Geräuschen in sich hineinziehen oder wie ein Staubsauger den schlammigen Boden auf Suche nach Fressbarem einschlürfen, um ihn dann wieder durch die Kiemen auszustoßen. Um das Wasser nicht zu belasten wurde seit geraumer Zeit ein Fütterungsverbot erlassen. Diese urigen Geschöpfe finden auch in der Weite des Wöhrsees grundelnderweise ihre Nahrung. Aber wo kommen sie her, diese Rüsselschweine ? Wer waren ihre Ahnen?
Fossilien verraten, dass der Karpfen ursprünglich vor mehr als 4 Millionen Jahren im gesamten Eurasien beheimatet gewesen ist, sein Verbreitungsgebiet aber durch die darauffolgenden Eiszeiten in verschiedene Gebiete zerfiel. Unsere heutige Wildform stammt aus dem Gebiet um das Kaspische Meer und von dort verbreitete sich der Fisch nach dem Rückgang des Eises vor etwa 8000 bis 10000 Jahren über das Einzugsgebiet der Donau nach Deutschland.
Dieser Wildkarpfen benötigt im Gegensatz zu den Zuchtformen zum Laichen niedrige Wassertemperaturen von etwa 17 bis 20 Grad Celsius und begnügt sich mit der Vegetation des Vorjahres und mit Wurzelwerk von Bäumen. Er kann sich in unseren Gewässern vermehren, ist vitaler und weniger anfällig gegenüber Krankheiten als die Zuchtformen. Die gestreckte Urform trägt ein geschlossenes Schuppenkleid. Ein geringer Bestand lebt in unserer Region auch im Marktler Badesee, im Inn und in der Seibersdorfer Lacke, die eine Verbindung zum offenen Fluss hat. Während ein Buch über Fischzucht in China schon im 5. Jahrhundert v. Chr. eine hochentwickelte Zuchtform beschreibt, wurde in Europa mit der planmäßigen Zucht erst im Mittelalter begonnen. Von Griechen und Römern aus Asien im Mittelmeerraum eingeführte Zuchtformen wurden von Mönchen im Mittelalter in ganz Europa verbreitet und durch weitere Zucht veredelt. Der Naturforscher Carl von Linne gab dem Karpfen 1758 den wissenschaftlichen Namen Cyprinus carpio. Der Name ist auf „Kypris“, den Beinamen der Aphrodite, der Göttin der Liebe, zurückzuführen, wobei auf seine Fruchtbarkeit verwiesen wird.
Aus der Urform sind durch Auslese verschiedene Karpfenstämme herausgezüchtet worden. So entstand zuerst der höherrückige Schuppenkarpfen und schon im 16. Jahrhundert wurden Karpfen mit reduziertem Schuppenkleid erwähnt. Weitere Beschuppungstypen sind der Spiegelkarpfen, der nur einzelne, oft miteinander verschmolzene Schuppen trägt, die an einen Spiegel erinnern. Der Zeilkarpfen besitzt eine Reihe von vergrößerten Schuppen entlang der Seitenlinie und gehört zur Galizischen Rasse. Der Nackt- oder Lederkarpfen ist fast völlig schuppenlos und zählt zur Böhmischen Rasse. Im Mittelalter, als die Mönche zur Fastenzeit nur Fische essen durften, die nicht über den Tellerrand hinausragten, züchteten sie den hochrückigen, fast schuppenlosen Aischgründer Höckerkarpfen, der kreisrund in eine Pfanne passte und somit möglichst viel Fleisch auf den Teller brachte.
Das Auge des Karpfens ist auf Nahsicht und somit für das Leben auf den durch Schwebstoffe und Plankton getrübten Gewässergrund eingestellt. Er hat einen ausgeprägten Tastsinn, besonders im Bereich des Kopfes und an den Barteln.  Der Karpfen besiedelt langsam fließende oder stehende Gewässer mit mulmigem und verkrautetem Boden. Er kann auch bei niederen Sauerstoffwerten um 3 mg/Liter leben. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus Bodentieren wie Schnecken, Muscheln, Würmern und Insektenlarven, die er mit seinem vorgestülpten, rüsselartigen Maul beim Grundeln aus dem lockeren Schlamm saugt. Auch pflanzliche Kost verschmäht er nicht. Er geht meist nach Einbruch der Dunkelheit auf Nahrungssuche. Im warmen Wasser frisst der Karpfen mit gesteigertem Appetit, aber bei etwa 30 Grad stellt der Fisch die Nahrungsaufnahme ein und er verfällt in eine Art Wärmestarre. Das Abwachsen im Wildwasser hängt auch von der Bestandsdichte ab. Im Liebesrausch hat der Karpfen wenig Scheu vor dem Menschen. So hatte ich in der Engelmannlacke, die im NSG liegt und von Anglern nur im westlichen Teil befischt werden darf, beim Blinkern auf Hecht im knietiefen Wasser ein besonderes Erlebnis. Plötzlich rumpelten mich im trüben Wasser zwei Karpfen an. Sie hatten meine Wathose zum Laichen gern. Die raue Oberfläche des Neoprenmaterials musste sie besonders reizen, denn sie rieben ihre Körper immer wieder an meinen Füßen. Ihre Laichplätze sind pflanzenreiche, flache Uferstellen, besonders überschwemmte Wiesen. Bei Wassertemperaturen über 20 Grad laichen die Fische in den Monaten Mai bis Juli. Fehlen die entsprechenden Laichplätze, z.B. das frische Gras überschwemmter Wiesen oder die Wassertemperaturen sind zu niedrig, kann der Laichvorgang völlig unterbleiben und die natürliche Vermehrung findet nicht statt. In der Natur laichen immer mehrere Paare miteinander, wobei die Milchner die Weibchen treiben. Die stürmischen Werbungen sind schon auf große Entfernungen durch das laute Geplätscher zu hören. Auf dem Höhepunkt des Laichspiels entlässt das Weibchen seine Eier ins Wasser und die Männchen ergießen ihre Milch darüber. Die befruchteten Eiersinken langsam ab und kleben an Grashalmen und Wasserpflanzen fest. Nach dem Schlüpfen schwimmen die Larven an die Wasseroberfläche, um ihre Schwimmblase mit Luft zu füllen. Die Jungfische ernähren sich von pflanzlichem und tierischem Plankton und kleinen Bodentierchen. Unsere Zuchtkarpfen sind eigentlich Haustiere, deren Bestand in unseren Gewässern durch Besatzmaßnahmen erhalten wird. Das Endalter dürfte etwa bei 40 Jahren liegen und bei bester Pflege wurde ein Karpfen im Aquarium eines Zoos immerhin 81 Pfund schwer.
Auch in unseren Landkreisgewässern gibt es schwere Karpfen. So konnte ich im Marktler Badesee beim Schnorcheln mehrere Schuppen- und Spiegelkarpfen und auch einen Wildkarpfen über der 1 m Grenze beim Grundeln zusehen, wobei man mit ruhigen Schwimmbewegungen den Fischen sehr nahe kommt. Auch konnte ich beobachten, dass Karpfen verschiedenen couleurs, einschließlich Wildkarpfen eng zusammen blieben. Die äußeren Unterschiede der verschiedenen Zuchtformen schienen sie nicht zu stören. Sie fühlten sich als eine Rasse. Im Marktler Badesee trifft man Kolosse über der 50 Pfund-Grenze. Auch im Wöhrsee kann man Spiegler und Schuppler, wie sie in der Anglersprache auch genannt werden, zwischen dem krautigen Bewuchs treffen. In der Badezone haben sie sich anscheinend so an die Badenden gewöhnt, dass man schon mal beim Schwimmen einen der Riesen mit den Füßen streift. Und so mancher Jugendlicher, der bei einem Kopfsprung vom Holzsteg ins kühle Nass eintaucht, hatte Kontakt mit einem dieser Flossenträger.
Im Volksmund wird von bemoosten Karpfen erzählt. Diese gibt es nicht. Das bemooste Aussehen alterKarpfen ist auf die dicke, schleimige Schicht auf seiner grünlichen Haut zurückzuführen.
Im Spätherbst, wenn das Wasser die 8 Grad Celsius-Grenze unterschreitet, stellen sie die Nahrungsaufnahme ein und suchen tiefere Bereiche auf. Den Winter über verbringen sie nicht selten eingegraben im lockeren Schlamm. Nur die rötlichen Glupschaugen und die Nasenlöcher verraten das wärmende Schlammbett dieser Rüsselschweine. Die Winterruhe hat begonnen.
Günter Geiß