Die Schleie, der Doktor unter den Fischen

Die schleimige Haut der Schleie wirkt antibakteriell und kann bei Verletzungen Pilzbefall verhindern.

Die Schleie, von Linne 1758 mit dem lateinischen Namen Tinka tinka in die wissenschaftliche Nomenklatur aufgenommen, bewohnt mit wenigen Ausnahmen fast ganz Europa bis Sibirien.

Der Friedfisch hat einen langgestreckten, kräftig gebauten Körper mit hohem Schwanzstiel und einer dicken, sehr schleimigen Oberhaut mit darin tief eingebetteten kleinen Rundschuppen. Der Rücken ist braungrün oder dunkelbraun gefärbt, die Seiten heller mit goldenem Schimmer an den Flanken und der Bauch ist gelblichgrün bis milchigweiß. Die Brust und Bauchflossen der Schleie sind dick, breit und abgerundet, die Rücken- und Afterflosse kurz, die Schwanzflosse nur schwach eingebuchtet. Das leicht verschwommene Seitenlinienorgan verläuft fast waagrecht bis zur Schwanzwurzel. Bei den Männchen ist der 2. Strahl der Bauchflosse verlängert und verdickt. Das endständige kleine Maul ist vorstülpbar, hat ein paar kurze Barteln an den Mundwinkeln und in den kleinen Augen glänzt eine goldrote Iris.

Die Schleie wächst sehr langsam, ist im 2. Lebensjahr etwa 12 cm lang, im 3. Sommer etwa 30 cm und wiegt ca. 300 g. In diesem Jahr, spätestens im nächsten wird sie geschlechtsreif. Die durchschnittliche Größe liegt auch bei adulten Fischen meist unter 50 cm. Ausgewachsene Fische werden selten über 70 cm lang. Es tritt auch eine goldrote Farbvariante auf mit mehr oder weniger dunklen Flecken. Diese Goldschleie ist eine Abart und kein Albino. Dennoch bringt die Natur manchmal albinotische Exemplare hervor. Man sagt der Schleie magische Kräfte nach. Erwiesenermaßen wirkt die Schleimhaut der Schleie antibakteriell und lässt Verletzungen schneller heilen. Es wird erzählt, dass sich andere Fische mit leichter Verpilzung an ihr reiben, um wieder gesund zu werden.

Die Schleie stellt geringe Ansprüche an die Wasserqualität und hat die Fähigkeit bei extremen Wetterverhältnissen in eine Kälte- als auch in eine Hitzestarre zu fallen,die es ihr ermöglicht, kurzfristig extremen Sauerstoffmangel zu überleben. 12 bis 26 Grad Celsius sind optimale Wassertemperaturen. Im Winter gräbt sie sich an tiefen Stellen bis zu den Augen im Schlamm ein und hält Winterruhe. Gute Schleiengewässer sollten flache, sonnige Partien als auch tiefere Stellen mit reichlich Krautbestand aufweisen. In unserer Region besiedelt sie flache, warme Gewässer wie sie zur Genüge in unseren Wasserlandschaften zwischen Inn und Salzach vorkommen. Sie liebt den schlammigen Grund und hält sich meist in Bodennähe auf. Der Deckung liebende Fisch wird meist erst in der Dämmerung lebhafter und geht auf Nahrungssuche. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus kleinen Bodentieren wie Insektenlarven, Würmern, Schnecken und kleinen Muscheln, die sie beim Grundeln im Schlamm findet. Deshalb ist der Mageninhalt erheblich mit Sand und Schlammteilchen durchsetzt. Auch Detritus, also kleinste verwesende organische, meist pflanzliche Teilchen und weiche Pflanzenkost steht auf ihrem Speiseplan. Beim Flachwassertauchen mit Brille und Schnorchel im Marktler Badesee konnte ich des Öfteren Schleien beobachten, wie sie senkrecht, Kopf nach unten im Boden Schlamm ansaugten und diesen als kräftige Wolke durch die Kiemen wieder ins Freie bliesen. Dabei werden kleine Bodentiere wie Insektenlarven und auch Detritus als Nahrung herausgesiebt.

Erreicht die Wassertemperatur 18 Grad Celsius, tritt Laichbereitschaft ein. Die Fische schließen sich zu Schwärmen zusammen und streifen am Ufer entlang. Bei Wassertemperaturen von 19 bis 20 Grad laichen sie gesellig unter lebhaftem Geplätscher von Mai bis Juli an Wasserpflanzen. Die Ablage des Laiches zieht sich über eineinhalb bis zwei Monate hin, da nur portionsweise im Abstand von etwa zwei Wochen abgelaicht wird, wobei 500 g schwere Weibchen etwa 300 000 und schwere Weibchen maximal 900 000 Eier ablegen. Wenn das Laichgebiet von der Sonne beschienen ist, entwickeln sich bei Wassertemperaturen um die 20 Grad die 0,8 bis 1 mm großen, vom Männchen befruchteten Eier, nach etwa 4 bis 5 Tagen. Die schlüpfenden 4 bis 5 mm langen Larven besitzen Klebedrüsen am Kopf, mit denen sie sich für die jetzt folgende Ruhephase an Wasserpflanzen heften. Sobald die Kiemen funktionsfähig sind, werden diese Haftorgane zurückgebildet. Die Jungfische fressen winziges Zooplankton, gehen aber sehr bald auf Bodennahrung über.

Größeren Schleien begegnet man öfter im Marktler Badesee. Beim Schnorcheln über eine großflächige Unterwasserwiese von Tausendblattkraut bemerkte ich eine gewaltige Schlammwolke durch den Bewuchs hindurch aufsteigen. Ich ließ mich langsam herantreiben und konnte in der Wolke die Schwanzflosse einer riesigen Schleie erkennen. Ich verhielt mich etwa einen Meter über dem grundelnden Fisch ruhig an der Wasseroberfläche. Als mich die Schleie bemerkte, kam sie langsam aus ihrem Krater und blinzelte mich in seitlicher Schräglage mit ihren goldroten Glupschaugen an. Ich musste mich nur ihren Flossenbewegungen anpassen und durfte mich auf keinen Fall hektisch bewegen, dann wurde ich als Ihresgleichen akzeptiert. Da der Fisch ruhig zwischen den Wasserpflanzen stand, merkte ich mir die jeweiligen Pflanzentriebe in Höhe des Mundes und am Ende der Schwanzflosse, tauchte dann langsam ab und breitete die Hände zwischen diesen beiden Merkmalen aus. Da ich wusste, wie weit ich die Hände auseinander nehmen musste um die Länge von 1 m anzuzeigen, konnte ich den Abstand zwischen den markierten Wasserpflanzen auf etwa 80 bis 85 cm schätzen. Eine Schleie dieser Größe habe ich noch nie gesehen und ist auch noch nie in Fanglisten einschlägiger Anglerliteratur gemeldet worden. Während der ganzen Aktion beobachtete mich der Fisch aus nächster Nähe. Da es mich interessierte, warum die Schleie in das dichte Pflanzengewirr einen großen Trichter bis zum Grund bohrte, tauchte ich ab. Im lockeren Boden konnte ich etliche 2 bis 3 mm große Wasserschnecken entdecken, die sie aus dem Schlamm absiebte und diesen dann durch ihre Kiemen wie bei einem Vulkanausbruch ins Freie blies.

Manchmal können Fische, die aus stark verschlammten Gewässern entnommen werden,  in denen Kieselalgen dominieren, einen modrigen, moselnden Geschmack annehmen. Diese müssen dann einige Tage in klarem, frischen Wasser gehältert werden, damit sie diesen unangenehmen Beigeschmack verlieren. Die Schleie ist ein begehrter Speisefisch und wird wegen ihres schmackhaften Fleisches gerne als Beifisch in Karpfenteichen gehalten.

Günter Geiß