Die Wasserspitzmaus, ein Insekten fressendes Säugetier

Die Wasserspitzmaus zählt zu den giftigen Säugern, deren Giftdrüse unter der Zunge liegt.

Pennant ordnete 1771 die Wasserspitzmaus mit dem lateinischen Namen Neomys fodiens in die Wissenschaftliche Nomenklatur ein. Wasserspitzmäuse gibt es in fast ganz Europa und nach Osten hin bis zum Pazifik. Die Eurasische Wasserspitzmaus ist eine der drei in Europa lebenden Arten und kommt in Bayern auch in den Alpen bis 2500 m Höhe vor.

Die Spitzmaus ist mit 7 bis 9 cm und einer Schwanzlänge von 5 bis 8 cm die größte unserer heimischen Spitzmäuse und wiegt 15 bis 20 g. Sie hat steife Borstensäume als Ruderflächen an den Hinterfüßen. Auch der Schwanz hat auf der Unterseite über die ganze Länge einen Borstenkiel. Das lange und dichte Fell der Wasserspitzmaus ist zweifarbig und variiert je nach Verbreitungsgebiet. Es ist auf der Oberseite gräulich bis glänzend schwarz gefärbt, auf der Unterseite variabel silbrig-weiß, häufig auch rostbraun überhaucht. Die Farbstoffe der gelblich bis rötlich gefärbten Brust und Kehle stammen aus der Nahrung. Um die Augen und teilweise hinter den Ohren befinden sich kleine weiße Flecken. Die Oberseite des Schwanzes erscheint dunkel, der Borstenkiel auf der Unterseite weiß. Die Ohren sind im samtig glänzenden Pelz verborgen. Die Wasserspitzmaus zählt zu den wenigen giftigen Säugern Mitteleuropas. Unter der Zunge liegende Drüsen erzeugen ein giftiges Sekret, das bei Tieren bis zu Mausgröße tödlich wirkt.

Wasserspitzmäuse können vorzüglich schwimmen und tauchen, leben vorzugsweise in unmittelbarer Nähe von Fischteichen, Wiesengräben, Bächen oder Flüssen mit langsam fließenden Abschnitten. Sie besiedeln nicht nur naturnahe Uferbereiche von Gewässern aller Art, sondern auch Sümpfe, nasse Wiesen und Wälder und alle feuchtkühlen Lebensräume in der Nähe von Gewässern. Sie lieben Gewässer mit sandig-steinigem Flussbett mit Kolken und überhängenden Uferbereichen mit freiliegenden Baumwurzelstrukturen. Sie benützen auch die Schlupfwinkel anderer Tiere unter Steinen und Felsspalten, graben aber in den Ufern Gänge und beziehen auch vorhandene Baue in Uferböschungen mit Ausgängen über und unter Wasser. Die Wasserspitzmaus ist gut an das Leben im Wasser angepasst, braucht aber klare, nicht verschmutzte Gewässer. Durch aktives Reiben ihres Fells an der Vegetation vor jedem Tauchgang, wird dieses elektrostatisch aufgeladen, sodass sich zwischen Haut und Fell ein Luftfilm bildet. Durch diese Lufteinschlüsse können sie lange unter Wasser bleiben, da ihr Pelz nicht durchnässt wird. Das Luftpolster erhöht allerdings ihren Auftrieb, sodass sie sich häufig an Pflanzen und Steinen festhalten müssen, um nicht nach oben getrieben zu werden. Ihre Tauchgänge reichen von 30 bis 200 cm Tiefe und dauern maximal 20 bis 30 Sekunden. Mit ihren Artgenossen verständigen sich Wasserspitzmäuse mit ihrer hohen, zirpenden und zwitschernden Stimme und auch mithilfe von Duftmarken. Auffallend ist das hohe Zwitschern während der Nahrungsaufnahme und bei der Erkundung eines unbekannten Gebietes. Bei der Nahrungssuche unter Wasser dienen sehr hohe, für den Menschen nicht mehr hörbare Töne der Ultraschall-Echopeilung. Wasserspitzmäuse leben die meiste Zeit des Jahres als territoriale Einzelgänger, sind in der Regel unverträglich und bekämpfen Artgenossen, die in ihre Wohnbezirke eindringen. Kommt es zum Streit, richten sich die Kontrahenten auf, quieken, beißen und schlagen mit den Vorderpfoten aufeinander ein. Die Wasserspitzmaus ist ein Tagtier und ist mit nur ganz kurzen Pausen 24 Stunden am Tag aktiv. Die Tiere besitzen eine hohe Bereitschaft zu einer nomadisierenden Lebensweise.

Wasserspitzmäuse erbeuten fast alle kleinen Tierarten, die im und am Wasser leben. Die zwischen den Grannenhaaren des dichten Pelzes festgehaltene Luft umhüllt das Tier beim Tauchen mit einer silbrig glänzenden Schicht. Der starke Auftrieb bei der Nahrungssuche unter Wasser muss durch kräftiges Schlagen der Hinterbeine überwunden werden. Dabei steckt die Wasserspitzmaus ihre spitze Nase unter Steine, in Spalten und in den Schlamm. Gründelnderweise findet sie mit ihrem Tast- und Geruchssinn Wasserinsekten, Egel und andere Würmer. Auch Fische, Kaulquappen, Krebse, Spinnen, Wasser- und Schwimmkäfer und deren Larven zählen zu ihrem Speiseplan, aber auch Eintagsfliegen-, Köcherfliegen- und Libellenlarven. An Land sucht sie ihre Beute auf ähnliche Weise, wo Molche, Frösche, sogar kleine Vögel und Säuger erbeutet werden. Sobald die Wasserspitzmaus unter Wasser eine lebende Beute ergriffen hat, bringt sie diese sofort ans Ufer und beißt sie tot. Sobald sie sich das Wasser aus dem Fell geschüttelt hat, putzt sie sich mit dem Hinterfuß und beginnt mit der Mahlzeit. Größere Nahrungstiere, die manchmal größer sind als sie selbst, tötet sie durch ein lähmendes Gift aus ihrer Speicheldrüse. Bei Mäusen und Fischen wird zuerst das Gehirn verzehrt. Die Wasserspitzmaus ist der stärkste Räuber unter den Spitzmäusen.

Die Paarungszeit der Wasserspitzmaus dauert in unserer Region von April bis September. Der Begattung gehen wilde Verfolgungsjagden voraus. Treffen sich Männchen und Weibchen zur Paarungszeit, so jagt das Männchen scheinbar wütend dem Weibchen wie einem Störenfried hinterher, wobei sich das Weibchen zunächst dieser Verfolgung zu entziehen versucht. Es läuft am Ufer entlang und es scheint, als wolle es sich mit einem Sprung ins Wasser retten. Die wilde Verfolgungsjagd geht auch am Gewässergrund weiter. Das Weibchen taucht an einer anderen Stelle wieder auf, wird vom Männchen an Land getrieben, wo die Verfolgung weiter geht. Nach langem Vorspiel ist das Weibchen endlich zur Begattung bereit. Bald darauf tauchen beide friedlich im Wasser nach Beute.

Ihren Bau legen Wasserspitzmäuse unterirdisch in höher gelegenen Uferbereichen an. Ihre Gänge graben sie mit den Vorderfüßen und den Zähnen und mit den Hinterfüßen wird das überschüssige Erdreich entfernt. Auch legen sie ihre Nester gern in verlassenen Mauslöchern an und verbinden diese Höhlen mit selbst gegrabenen Gängen mit dem nächsten Gewässer. Manchmal bauen sie das Nest, das aussieht wie ein großer Ball, zusammengeflochten aus Wurzeln, Gräsern und Moos in Höhlungen der Uferböschung. Vor dem Gebären polstert das Weibchen das Nest besonders weich aus. Nach 3 bis 4 Wochen bringt die Spitzmausmutter 4 bis 8 etwa 0,6 g schwere und blinde Junge zur Welt. Ihre Augen öffnen sich nach 20 bis 24 Tagen. Die Säugezeit beträgt 38 bis 40Tage, während dieser die Weibchen sich besonders aggressiv verhalten. Während der Fortpflanzungszeit leben die Männchen auf der Suche nach paarungsbereiten Partnerinnen nomadisch. Zwischen Mai und Oktober kann es 2 bis 3 Geburten geben, wobei die im späten Frühling geborenen Jungtiere meist noch im ersten Sommer fortpflanzungsfähig werden. Frei lebende Wasserspitzmäuse werden maximal 2 bis 3 Jahre alt. Die Wasserspitzmaus Neomys fodiens steht in der Roten Liste der gefährdeten Arten.

Günter Geiß