Blesshuhn

Blesshuhn
Foto: Wolfgang Oertel

Das Blesshuhn, eine Ralle mit Schwimmlappen an den Füßen

In allen Stillgewässern und Badeseen unserer Region brüten Blesshühner und ihr Bestand nimmt von Jahr zu Jahr zu.

Das Blesshuhn gehört zur Familie der Rallen und ist die häufigste Wasservogelart in Mitteleuropa. Linne ordnete das Blesshuhn 1758 unter dem lateinischen Namen Fulica atra in die Wissenschaftliche Nomenklatur ein. Blesshühner kommen in verschiedenen Arten in allen Erdteilen vor. Die verbreitetste Art, unser heimisches Blesshuhn Fulica atra, gehört zur Familie der Rallen und lebt in ganz Mitteleuropa bis Sibirien und Afrika in fast allen versumpften und verschilften Gewässern.

Die etwa 36 bis 42 cm große gedrungen-rundliche Ralle hat einen lang ausgestreckten Hals mit einem relativ kleinen Kopf. Der Schwanz ist nur kurz und wird im Flug von den Beinen weit überlagert. Der seitlich etwas zusammengedrückte Schnabel und die bis fast zur Scheitelmitte reichende Stirnplatte sind elfenbeinfarbig bis leuchtend weiß, wobei die Männchen meist einen größeren Stirnschild als die Weibchen tragen. Der spitze Schnabel hat eine kräftige Basis mit gebogenem Oberschnabelfirst. Die Weibchen werden um die 700 g, die Männchen um die 900 g schwer. Ihre langen Zehen sind beiderseits mit Schwimmlappen versehen. Die Unterseite der etwas schwerfällig wirkenden Vögel ist graubraun und am Bauch und an der Brust befinden sich feine weiße Spitzensäume. Die kurzen abgerundeten Flügel sind überwiegend schwarz gefärbt, wobei am Flügelvorderrand ein weißer Saum und am Flügelhinterrand ein weißliches Band sichtbar ist. Die Iris leuchtet rot bis dunkel braunrot. Die kräftigen grünlich bis hell-aschgrau gefärbten Füße sind an den Fersen orangerot, die Zehen und Schwimmlappen verwaschen olivfarben mit schmutzig grünblauen Gelenken.

Blesshühner können nicht nur gut schwimmen sondern ebenso gut tauchen, wobei sie mit einem charakteristischen Kopfsprung untertauchen und dann kräftig mit den Beinen rudern. Sie bleiben aber nur wenige Augenblicke unter Wasser, um auf dem Grund Pflanzenteile mit dem Schnabel abzurupfen und nach oben zu holen. Um längere Zeit unter Wasser zu bleiben ist ihr Körper viel zu leicht. Zum Aufwärtsschwimmen genügt ihnen der Auftrieb, wobei sie dann wie ein Stöpsel an die Wasseroberfläche schießen. Blesshühner bewohnen langsam fließende und stehende Gewässer mit üppiger Unterwasservegetation. Sie sind außerhalb der Brutzeit sehr gesellige Vögel und leben nur während der Brutzeit paarweise zusammen. Während der Mittagsstunden sind sie oft am Ufer, wo sie ihr Gefieder putzen. Aber den größten Teil ihres Lebens verbringen sie auf dem Wasser. Sie nicken beim Schwimmen mit dem Kopf und beim Auffliegen laufen sie flügelschlagend und wassertretend eine kurze Strecke auf der Wasseroberfläche, ehe sie sich in die Luft erheben. Die Stimme der Blesshühner ist unterschiedlich und vielseitig. Ein krächzendes „kröck“ stammt vom Weibchen, das beim Locken der Jungvögel weicher klingt, aber bei Erregung kranichartig trompetend. Der Ruf des Männchens ist mehr schnalzend und bei Erregung ertönt als Warnruf ein sehr hohes und schrilles „pix“, bei den Weibchen ein bellendes „köw“. Auch wechselt ein platzendes „dp“ mit „pssi“ oder „pschi“ und bei nächtlichen Flügen ertönt ein trompetendes „päau“. Um mit den Eltern in Kontakt zu bleiben, fiepen die Jungen.

Im Sommer lassen sich Ansammlungen von Nichtbrütern feststellen, zu denen sich später auch die diesjährigen Jungvögel und nach Beendigung des Brutgeschäftes die Altvögel hinzugesellen. Vermutlich handelt es sich teilweise auch um mausernde Altvögel, die durch gleichzeitigen Abwurf der Schwungfedern vorübergehend flugunfähig sind. Ihr vielseitiger Speisezettel umfasst in erster Linie Unterwasserpflanzen wie Algen und Tausendblattkraut, Hornkraut, auch junge Schilfsprossen, Gräser, Insekten, Schnecken und Muscheln. Gelegentlich vergreifen sie sich an den Nestern von Lachmöwen und trinken deren Eier aus. In der Peracher Lacke konnte ich eine Blesshuhnmutter beobachten, wie sie im Geleit vier Junge unter die überhängenden Seggengräser führte, wo in regelmäßigen Abständen das Wasser leicht aufspritzte. Mit schnellen Schnabelhieben fischte sie kleine Lauben, die sich in der Laichgesellschaft eines größeren Schwarmes aufhielten. Laut fiepend bettelten die Jungen, bis ihnen die Mutter die kleinen Fischchen in den weit aufgerissenen Schnabel steckte. Typisch für die Jungen ist das Betteln um Nahrung, wenn sie in gebückter Haltung und hochgerecktem Kopf mit ihren noch nicht fertig ausgebildeten Flügeln schlagen. Auch mit Wackeln des Kopfes und gleichzeitigem Fiepen machen sie auf sich aufmerksam, um Futter von ihren Eltern vorgehalten zu bekommen.

Im März oder April lösen sich die Blesshuhn-Gesellschaften auf und die Paare versuchen sich ein Revier zu erobern. Ihre Brutgebiete sind Flachwasserseen, Fisch- und Klärteiche, Baggerseen und Altwässer. In allen unseren Stillgewässern der Wasserlandschaften zwischen Inn und Salzach brüten Blesshühner. Besonders gut kann man im Sommer adulte und auch junge Blesshühner auf der Liegewiese am Marktler Badesee in der Nähe der kleinen Brücke beobachten, wo sie Badegäste gewohnt sind und keine Scheu zeigen. Um ihr Brutrevier zu verteidigen, streiten sie mit den Artgenossen, kämpfen mit dem Schnabel und mit den Krallen kratzend und versuchen sich gegenseitig unter Wasser zu drücken. Sie schwimmen mit gesenktem Kopf und hochgehaltenen Flügeln aufeinander zu. Beim Angriff legen sie sich auf dem Wasser weit zurück, stützen sich auf die nach hinten gereckten Flügel und schlagen mit den Füßen auf die Brust des Gegners. Der Nestplatz wird nach erfolgreicher Revierverteidigung vom Männchen ausgewählt. Es baut erst mal an mehreren Stellen in Wassernähe auf umgeknickten Schilfhalmen Nestunterlagen. Das eigentliche Nest ist ein Umfangreicher Bau aus Schilf, Rohrkolben und Binsen und liegt gut gedeckt in der Ufervegetation in der Nähe des offenen Wassers. Es ist oft auch ungeschützt neben der Uferbefestigung oder es schwimmt frei im Wasser, so an den Schilfhalmen befestigt, dass es nicht vom Wind abgetrieben wird, aber je nach Wasserstand an den Rohrstängeln nach oben oder unten gleiten kann. Es besteht meist aus einem groben Unterbau und einem feinen Oberbau mit einem Durchmesser zwischen 25 bis 55 cm. Das Männchen bringt einen großen Teil des Materials, das dann vom Weibchen verbaut wird. Manchmal werden auch die neben dem Nest emporwachsenden Halme zu einer tunnelartigen Haube verflochten. Auch während der Brutzeit wird oft am Nest gebaut und manchmal bauen sie noch ein halbrundes Dach über das Nest und eine Art Rampe, die zum Wasser hinunterführt. Während der Bauzeit kommt es auch zwischen den Weibchen zu Kämpfen, die durch Flügelschlagen, Schnabelhieben und Fußtritten ihr Revier verteidigen. In der Zeit zwischen März und August legt das Weibchen 5 bis 15 gelbliche Ton-farbene, schwach glänzende Eier mit feinen rotbraun bis schwarz gepunkteten Flecken. Gelege mit mehr als 14 Eiern stammen von mehreren Weibchen. Bei günstigen Wetterbedingungen erfolgt auch eine zweite Brut. Die Eier haben eine Größe von etwa 53 mal 36 mm. Nach dem 3. oder 4. gelegten Ei beginnt das Weibchen zu brüten, was meist 22 bis 24 Tage dauert.

Das Brutgeschäft teilen sich beide Eltern, wobei das Weibchen öfter brütet. Die geschlüpften Jungen sind Nestflüchter, bleiben aber meist noch 2 bis 4 Tage, bis alle geschlüpft sind. Dort werden sie gehudert und sie schlafen noch eine Woche im Nest. Sie können nach kurzer Zeit schwimmen und rudern piepsend hinter ihren Eltern her. Sie besitzen ein schwärzliches Daunenkleid und haben einen roten Schnabel mit weißer Spitze. Der Kopf trägt eine auffallend rote Signalfarbe, die auf die Eltern fütterungsauslösend wirkt. Die Jungen werden von ihren Eltern noch 4 bis 5 Wochen im Familienverband geführt und gefüttert, wobei sich ein Teil der Jungen an die Mutter und ein anderer Teil an den Vater hält. Die Eltern kümmern sich jeweils nur um ihren Teil. Das Männchen baut zusätzlich noch ein bis zwei Ruhe- und Schlafnester für die Jungen, auf denen sie noch länger gehudert werden. Sie sind nach 8 Wochen flügge und selbstständig, bleiben aber noch lange im Revier.

Die jungen Blesshühner werden im ersten Lebensjahr geschlechtsreif, brüten aber oft erst im 3. Kalenderjahr und führen eine monogame Saisonehe. Die mitteleuropäischen Blesshühner sind meist Standvögel und überwintern im Brutgebiet auf großen Wasserflächen. Bei einem plötzlichen Kälteeinbruch, wenn die Gewässer zufrieren, brechen sie in Scharen auf und ziehen in die Mittelmeerländer. Die Blesshühner erreichen ein Alter von 15 bis 18 Jahren und gehören nach dem Bundes-Naturschutz-Gesetz zu den besonders geschützten Arten, dürfen aber in allen Mitgliedstaaten der EU gejagt werden.

Günter Geiß