Graureiher

Junger Graureiher
Foto: Wolfgang Oertel

Der Graureiher, ein Pirschjäger im Flachwasser

Er ist der weitverbreitetste Fischreiher in Mitteleuropa und ist auch in Städten immer häufiger anzutreffen.

In Meyer`s Konversationslexikon, Ausgabe 1871, ist nachzulesen: „Wegen seiner schönen Kopf- und Rückenfedern war er früher Hauptgegenstand der Falkenbeize. Wird der Reiher von einem solchen eingeholt, so steigt er so hoch als möglich empor und streckt dem auf ihn zustoßenden Falken immer die scharfe Schnabelspitze entgegen, woran sich mitunter wirklich einer aufspießt. Wird er gepackt, so stürzt er mit dem Falken zur Erde. Man riß ihm die schönsten Federn aus, legte einen Metallring um die Ständer und ließ sie wieder fliegen.“ Ardea cinerea, unter diesem lateinischen Namen ordnete Linne 1758 den Graureiher in die wissenschaftliche Nomenklatur ein. Der Graureiher lebt ganzjährig in Europa, Asien und Südafrika mit verschiedenen Unterarten. Er ist in Europa bis zum 60. Breitengrad die verbreitetste Reiherart. In Mitteleuropa ist er mit der Nominatform  Ardea cinerea cinerea vertreten. Der 90 bis 98 Zentimeter große Schreitvogel fliegt mit langsamen weit ausladenden Flügelschlägen mit auf die Schultern zurück gelegtem Hals. Das Gefieder des stolzen Vogels kann unterschiedlich gefärbt sein. Stirn und Oberkopf sind weiß, der Hals grauweiß und der Rücken aschgrau mit weißen Bändern. Die Flügeloberseite ist zweifarbig, die Schwungfedern und die Handschwingen glänzend blauschwarz. Der elegante und schlanke Vogel trägt oberseits ein weiches graues Gefieder. Während die Steuerfedern dunkelgrau erscheinen, sind die lanzettlich verlängerten Brustfedern schwarz längs gestrichelt. Im fortgeschrittenen Alter sind die Graureiher kontrastreicher gezeichnet und tragen einen deutlichen schwarzen Überaugenstreif und am Hinterkopf lange, dünn auslaufende Schmuckfedern. Die bräunlichen Stelzenbeine sind sehr lang, graugelb bis grüngrau gefärbt und tragen drei lange, weit auseinander gespreizte Vorderzehen. Die Iris ist gelb, sein langer Pinzettenschnabel gelblich und im Frühjahr leuchtend orange. An der Schnabelwurzel geht die Färbung in Richtung Auge ins Grünliche über. Bei ausgebreiteten Flügeln kann die Spannweite von Ardea cinerea 175 bis 195 Zentimeter betragen. Die Männchen werden größer als die Weibchen und bei einem Gewicht von 1000 bis 2100 Gramm sind sie die größte Reiherart in unserer Region.

Auf der Oberseite des Rückens, an den Leisten und auf der Vorderbrust befinden sich so genannte Puder-Dunen-Federn, die ständig nachwachsen und von anderen Federn überdeckt werden. Der Reiher zerbröselt diese Dunenfedern  mit Reibung durch seinen Kopf und verteilt das talkumartige, Wasser abstoßende Pulver mit dem Schnabel in seinem Gefieder. Anschließend kämmt er dieses mit der kammartig gezähnelten Mittelkralle aus. Er fliegt mit S-förmig gekrümmtem Hals, der während des Abflugs und bei der Landung vorgestreckt wird. Der Abflug wird mit einigen Sprüngen eingeleitet, wobei er oft laute, rau-krächzende Rufe wie „Kraak“, „chrääk“, „gaga“ oder ein zweisilbiges „chroä“ ertönen lässt. Graureihern begegnet man in allen ungestörten Lebensräumen in Flusslandschaften, an Seen, Teichen und Altwässern mit flachen Ufern, wo sie genug Futter finden. Sie bevorzugen als Lebensraum die Nähe von flachen Wasserzonen, die zum Jagen geeignet sind. In unserer Region fühlen sie sich in den Wasserlandschaften zwischen Inn und Salzach in Überschwemmungsgebieten und an Schilfgürteln wohl. Man kann sie im flachen Teil der meisten Altwässer wie der Deindorfer und Seibersdorfer Lacke beobachten sowie in den ausgedehnten Flachwasserbereichen und an den Schilfgürteln linksseitig der Salzachmündung. Auch in der unteren Alz steht er vereinzelt wie erstarrt und wartet, bis die Schmerlen schwarmweise ins flache Wasser ziehen. Als Pirschjäger lauert er im Flachwasser unbeweglich auf Beute und stoßt blitzschnell zu, wenn ein Fisch in die Nähe kommt. Dabei verschafft ihm sein langer Hals eine große Reichweite. Der Vogel muss beim Beutestoß die Lichtbrechung durch die Wasseroberfläche einkalkulieren. Auch durch langsames, schreitendes Waten im schlammigen Boden der seichten Stillgewässer scheucht er seine Beute auf und stoßt dann mit ausgestrecktem Hals blitzschnell mit dem dolchartigen Schnabel zu. Die Hauptnahrung der Graureiher sind Fische. Sie fangen aber auch Frösche, Molche, Regenwürmer, Reptilien und Insekten. Auch nehmen sie gelegentlich kleine Nestlinge von anderen Wasservögeln. Der Schreitvogel ist auch häufig auf Feuchtwiesen und Feldern anzutreffen, wo er auf Kleinsäuger wie Feld- und Schermäuse lauert. Hat er Beute entdeckt, beugt er sich langsam vor und stoßt blitzschnell zu. Auch verfolgt er seine Beute an Land im Laufen und schnappt selbst flinke Mäuse. Er verschlingt die Beute im Ganzen und würgt Unverdauliches als Speiballen wieder heraus. Er „reihert“.

Graureiher - Altvogel
Foto Wolfgang Oertel

Die Graureiher starten direkt vom Wasser aus und können auch kurze Zeit schwimmen. Sie fliegen auch in der Dämmerung und nachts und machen während des Fluges durch ein durchdringendes, heißer krächzendes „Kräich“ auf sich aufmerksam. Beim Nachtangeln am Alzkanaleinlauf in die Salzach kann man während der Sommermonate in den späten Abendstunden regelmäßig hoch oben die Schreie flussaufwärts ziehender Reiher vernehmen. Je nach Winter und Verbreitungsgebiet sind sie Kurzstreckenzieher, Zug- oder Standvögel. In strengen Wintern ziehen sie nach süd-westlicher Richtung zu ihren Überwinterungsquartieren und kehren im Frühjahr wieder zurück. Graureiher brüten in Kolonien auf hohen Bäumen und nisten in umfangreichen Horsten, die sie oft viele Jahre wieder verwenden. In baumarmen Gegenden legen sie ihre Nester auch im Schilf an. Im März kehren die Männchen vor den Weibchen ins Brutgebiet zurück, suchen den Horstplatz aus, verteidigen ihn gegen Konkurrenten und locken mit lauten Rufen unermüdlich ein Weibchen an. Hat sich ein Paar gefunden, bleibt es für Gewöhnlich für eine Brutsaison zusammen, bessern ein altes Nest mit Ästen und Zweigen aus oder bauen ein neues. Beide Vögel formen den Unterbau mit größeren Ästen und vervollständigen es mit kleinen Zweigen, wobei das Männchen das Baumaterial dem Weibchen im Nest übergibt. Es entsteht ein kunstloser Horst, zusammengeflickt mit dünnen Fichtenreisern, Stroh, Schilfrohr und anderem Nestmaterial. Die Mulde des flachen, etwa ein Meter breiten Nestes wird dürftig mit Federn, Wolle und Tierhaaren ausgepolstert. Während der Bautätigkeit herrscht in der Reiherkolonie ständig Streit, da sich die Vögel untereinander das Nestmaterial streitig machen.

Ende März, Anfang April wird das Gelege, das aus drei bis fünf stumpf-ovalen, grünlichblauen Eiern besteht, von beiden Eltern bebrütet. Nach einer Brutdauer von 25 bis 28Tagen schlüpfen die nackten Jungen. Die Nesthocker werden von beiden Eltern beträut und anfangs mit kleinen Fischen oder Insekten gehudert. Die Eltern würgen ihnen das Futter direkt in den Schnabel. Später legen sie es nur noch am Horstrand ab. Nach etwa einem Monat sind die Jungen vollkommen befiedert und sind in der Lage, auf dem Brutbaum auf andere Äste zu klettern. Bald lernen sie das Fliegen. Es dauert aber noch lange, bis sie ihren Nistplatz endgültig verlassen und sich mit altersgleichen Familien zu kleinen Verbänden zusammen schließen. Die Sterblichkeit der Jungvögel ist während der Nestzeit sehr groß. Junge Graureiher haben einen graugestreiften Hals, keinen Augenstrich und keine Nackenfedern. Sie werden im zweiten Lebensjahr geschlechtsreif und führen dann eine monogame Saisonehe. Graureiher können bis fünfundzwanzig Jahre alt werden.

In der Roten Liste der BRD steht der Vogel als ungefährdet und nach dem Bundesjagdgesetz fällt der Graureiher unter die jagdbaren Arten.

Günter Geiß