Nachtreiher

Nachtreiher
Foto: Wolfgang Oertel

Der Nachtreiher – ein Geselle der Dunkelheit

Aufgrund seiner Lebensweise und Vorliebe für die Dämmerung ist der Nachtreiher leicht zu übersehen.

Nycticorax nycticorax, unter diesem Namen ordnete Linne 1758 den Nachtreiher in die Nomenklatur ein. Der Vogel stammt ursprünglich aus Europa, ist aber inzwischen fast weltweit verbreitet. In Mitteleuropa ist er in Ungarn und Österreich Brutvogel, seit etwa 1950 auch in Bayern. Der Langstreckenzieher, der in Afrika überwintert, lebt zwischen April und Oktober in der Donauaue bei Regensburg, auch bei Straubing und am unteren Inn auf der österreichischen Seite. Er bewohnt Sumpfgebiete, Flussauen und andere Feuchthabitate in den Wasserlandschaften zwischen Inn und Salzach. Aufgrund seiner versteckten Lebensweise und Vorliebe für die Dämmerung ist der Nachtreiher leicht zu übersehen. Selbst wo er regelmäßig brütet, wird man ihn nur mit viel Geduld beobachten können, da er tagsüber in der dichten Vegetation, versteckt in ufernahen Bäumen, schläft.

Ein unvergessliches Erlebnis hatte ich beim Nachtangeln am Salzachufer kurz nach der Mündung des Alzkanals. Dort, wo der Dücker die Salzach quert, ist das Ufer auf einer kurzen Strecke mit sandigem Kies aufgeschüttet, so dass direkt neben dem Wasser ein schmaler, unbewachsener, sandiger Uferstreifen verläuft. Es war eine mondhelle Nacht und ich hatte es mir in meinem Angelstuhl bequem gemacht, etwas zurückgezogen vom Ufer, in Erwartung, dass das auf die Rutenspitze geklemmte Glöckchen durch sein Bimmeln den Biss eines Fisches anzeigt. Es klingelte auch hin und wieder, aber meist waren es Fledermäuse, die mit ihrem Radar die dünne Schnur mit einem Insekt verwechselten und den Irrtum erst erkannten, als sie die Schnur streiften. Hunderte von kleinen Fischchen kringelten im hellen Mondlicht im seichten Uferbereich die Wasseroberfläche. Plötzlich landete lautlos ein Vogel. Es war ein Nachtreiher. Da ich mich ruhig verhielt, beachtete mich der Reiher nicht, lief aufgeregt am Ufer hin und her und piekte mal hier, mal dort im seichten Wasser nach einem Fischchen. Es dauerte schon einige Zeit, bis er seinen Hunger gestillt hatte. So lautlos wie er gekommen war flog er zurück in die gespenstische Nacht. Dieses hautnahe Erlebnis mit einem Nachtreiher vergisst man nie wieder.

Der Nachtreiher, der auch mit anderen Reiherarten in großen Gruppen lebt, ist nicht direkt gefährdet, aber die Bestände nehmen seit Jahren ab. Der Vogel stößt oft raue, heisere Rufe während des Fluges oder von einem erhöhten Standort aus, die wie „Qua“ oder „Quark“ klingen. Die Standhöhe des Nachtreihers misst 60 bis 70 cm und sein Gewicht liegt zwischen 550 und 700 g, wobei die Weibchen kleiner sind. Der Reiher hat einen dicken Hals mit starkem Schnabel und einen stämmigen Körper. Zur Brutzeit trägt er 2 bis 4 weiße, verlängerte Schmuckfedern vom Nacken bis auf den Rücken. Sein Kopfscheitel ist dunkelgrau, Rücken und Oberkopf schwarz, die Flügel meist hellgrau und die Flügelspitzen sind leicht abgedunkelt. Sein Bauch und der Schwanz sind reinweiß, die Iris der Augen rötlich bis orange gefärbt. Seine gelblichen bis hellgrünen Zehen verfärben sich während der Paarungszeit leicht rosa. Auf das weißgefleckte braune Jugendkleid folgt ein bräunliches Federkleid. Sein Alterskleid bekommt der Vogel erst im 3. Jahr.

Der Nachtreiher jagt vorzugsweise in der Dämmerung und nachts, während der Brutzeit auch tagsüber. Bei der Nahrungssuche schreitet er im flachen Wasser und hält Ausschau nach Beute, die er mit seinem kräftigen Schnabel packt. Er ist ein listiger Vogel und legt Insekten auf die Wasseroberfläche und stürzt sich dann auf die angelockten Fische. Nachtreiher nisten in Kolonien auf hohen Bäumen, Büschen oder im Schilf, gern auch in Gesellschaft anderer Reiher. Die während der Balz aggressiven Männchen tänzeln mit geducktem Kopf herum und klappern mit dem Schnabel. Mit weit hochgestrecktem Hals und anschließendem Kopfnicken bis fast zum Boden gibt er schnalzende Laute von sich. Hat sich nach erfolgreicher Balz ein Pärchen gefunden, putzen sie sich gegenseitig und klappern mit dem Schnabel. Die Kopulation wird nach 1 bis 2 Tagen in der Nähe des Nestes oder im Nest vollzogen. Das Männchen besorgt kleine Äste, Gräser und Laub, die das Weibchen verbaut. Das Nest, das in einer Astgabel nahe dem Stamm gebaut wird, hält nur eine Brutsaison. Im Abstand von 1 bis 2 Tagen legt das Weibchen 3 bis 5 kräftig grüngefärbte Eier, die bald ins Bläuliche bis Grünliche bleichen. Es brüten beide Eltern fast einen Monat lang und die geschlüpften Jungen werden 6 bis 7 Wochen gefüttert. Sind sie flügge, sind sie auch schon selbstständig. Die Jungvögel tragen ein braunes Gefieder mit weißen Flecken, wobei sich die Pigmentierung erst nach dem 2. Lebensjahr einstellt.

 

Die Kolonie wird bei Tag meist in großer Höhe angeflogen, knapp davor gleitet der Nachtreiher ohne Flügelschlag knapp über seinem Brutplatz und umkreist suchend das Gebüsch nach seinen Jungen. Er stößt einen Lockruf aus und landet in der Nähe seines Nachwuchses. In finsteren Nächten fliegen die Nachtreiher sehr tief an, in mondhellen Nächten hingegen auch hoch. Die Nachtreiher sind gegenüber ihresgleichen recht unverträglich, so dass es bei Tag und Nacht häufig zu lautstarken Auseinandersetzungen innerhalb der Kolonie kommt. Sie fliegen dennoch nur ungern alleine fort. Erhebt sich ein Vogel mit seinem Flugruf von seinem Sitzplatz, folgen ihm sogleich rufend einige andere. Es kann geschehen, dass einem abfliegenden Vogel der Reihe nach mehrere weitere folgen, besonders in der frühen Morgendämmerung, wo die hungrigen Jungen bereits nach Futter betteln. Die Horste werden von den heranwachsenden Jungvögeln oftmals verlassen, wobei sich die Jungen Sitzplätze in den Gebüschgruppen in der Mitte der Kolonie erkämpfen, wo sie auch von den Eltern gefüttert werden. Oftmals umkreisen die Alten die Kolonie um die Jungen nach Standortwechsel ausfindig zu machen. Später verlassen die Jungen die Kolonie zuerst in Begleitung der Eltern, dann alleine, um sich ihre Nahrung zu suchen. Erst bei Einbruch der Dunkelheit kehren sie in die Kolonie zurück, nach einiger Zeit überhaupt nicht mehr. Im Herbst fliegen sie in ihr Winterquartier nach Afrika.

Günter Geiß