Neuntöter

Neuntöter
Foto: Wolfgang Oertel

Der Neuntöter, ein Singvogel aus der Familie der Würger

Der Neuntöter wurde früher als Rotrückenwürger bezeichnet und sein weiterer Name Dornendreher rührt von der Eigenart her, tote Tiere an Dornen und Stacheln aufzuspießen. 

Der Neuntöter ist der häufigste Würger in Mitteleuropa und wurde von Linne 1758 mit dem lateinischen Namen Lanius collurio in die Wissenschaftliche Nomenklatur aufgenommen. Der Vogel ist in großen Teilen Mitteleuropas von April bis September heimisch, wobei er in seinem Bestand starken Schwankungen unterworfen ist.

Mit einer Flügellänge bis 100 mm ist das Männchen größer als das Weibchen. Sein schwarzweißer Schwanz mit weißen Außenfedern erreicht eine Länge bis 90 mm. Das Gefieder der Männchen ist am Rücken und an den Schultern rostrot bis kastanienbraun. Oberkopf und Nacken heben sich mit ihrem Graublau deutlich ab. Die Weibchen sind unterseits quergestreift und insgesamt schlichter gefärbt. Oberkopf, Nacken und Bürzel sind grau. Die Oberseite ist graubraun ohne schwarzem Augenstreif. Ihre Kehle ist weiß, die Brust und Flanken sind dunkel quergewellt. Junge Vögel sind auf dem Rücken quergestreift und ähneln ansonsten den Weibchen. Die kastanienbraunen Handschwingen zeigen eine hellere Randung und die Steuerfedern sind an den Spitzen schmalweiß gesäumt. Flanken und Brust sind leicht rosafarben getönt. Die Färbung des Gefieders der Neuntöter variiert innerhalb lokaler Populationen in Mitteleuropa sehr stark. Der kräftige Schnabel des Singvogels ist seitlich abgeflacht und hat einen ausgeprägten Haken, der kurz vor der Spitze des Oberschnabels eine leichte Zähnung zeigt.

Gegen Ende der Brutzeit findet bei adulten Vögeln eine Teilmauser statt, gegen Herbstende eine Vollmauser, wobei das gesamte Groß- und Kleingefieder erneuert wird. Der Neuntöter liebt buschreiche Feldfluren, vor allem dichte Dornenhecken. Er besiedelt auch sonnige Gebiete mit mehr oder weniger ausgedehntem Buschwerk. Geeignete Lebensräume findet der Vogel an den mit Sanddornhecken und Hagebuttensträuchern bewachsenen Hochwasserdämmen der Wasserlandschaften zwischen Inn und Salzachmündung. Der Neuntöter ist ein typischer Wartenvogel und sitzt auf einem hochragenden Zweig oder auf einem Telefondraht und hält ruhig Ausschau nach seiner Beute, die er in der Luft oder am Boden fängt. Während der Sommermonate kann man den Neuntöter auch öfter auf den Telefonmasten neben der Straße von Mehring kommend Richtung Mc. Donald auf Beute lauernd auf ihrem Ansitz beobachten. Gelegentlich rüttelt er nach Turmfalkenart in der Luft, stürzt sich dann im geradlinigen Flug blitzschnell zu Boden und ergreift seine Beute. Er fängt oft mehr, als er verzehren kann und spießt den Überschuss auf Dornen in der Heckenlandschaft. Die häufigste Beute sind Insekten wie Käfer und Heuschrecken. Auch fängt er gelegentlich Kleinsäuger, Frösche, Eidechsen und kleine Singvögel, die ihn wegen seiner geringen Göße nicht als Feind erkennen. Wirbeltiere werden durch einen Biss in den Nacken getötet. Seine Beute zerreißt er mit seinem Hakenschnabel . Kleinere Insekten zerquetscht er und reißt größere Chitinteile von ihnen ab. Bei Raupen schlenkert er durch Hin- und Herschütteln den Darminhalt heraus. Unverdauliche Bestandteile werden als Speiballen herausgewürgt. Um die Nahrung besser bearbeiten zu können, spießt er größere Beutetiere auf Dornen. Auf diese Weise legt er sich auch für regenreiche Tage, an denen das Insektenangebot knapp ist, einen Vorrat an. Kleinvögel oder Heuschrecken werden auch auf einer Art Pirschjagd erbeutet. Dabei nähert sich der Neuntöter in kleinen Etappen seiner Beute, wobei er sich betont desinteressiert gibt, um dann überraschend zuzuschlagen.

Neuntöter
Foto: Paul Bogner

Das Männchen trifft einige Tage vor dem Weibchen im Brutgebiet ein und lässt sogleich seinen Lockruf erklingen. Sobald das Weibchen in das Revier eines unverpaarten Männchens kommt, steigert sich dessen Gesangsverhalten. Das Männchen vertreibt jeden Störenfried energisch mit seinem Abwehrruf „gäck..gäck..tschek..tschek“, wobei es erregt drehende Schwanzbewegungen ausführt. Beim Paarungsflug wirft sich das Männchen von einer Seite auf die andere, wobei die auffällige Färbung gut zur Geltung kommt. Es vollführt vor der Partnerin allerlei Verbeugungen und Verrenkungen. Auch das Werbungsfüttern ist eine weitere Form der Balz, wobei das Männchen mit den Flügeln zittert und ein leises „wrie..wrie“ vernehmen lässt. Der Nestbau wird mit „Dornenknabbern“ eingeleitet, wobei das Männchen immer wieder zum ausgewählten Nestplatz mit „tschnäg..tschnäg“-Rufen fliegt. Folgt das Weibchen, so kuscheln sich beide aneinander und kriechen mit locker gehaltenen Flügeln umher. Nun nähert sich das Weibchen und es folgen kleine Verfolgungsflüge durch das Geäst. Etwa 3 Tage vor der Eiablage kommt es zu den ersten Kopulationen, die sich bis zum Ende der Legetätigkeiten wiederholen. Das Vorspiel wird vom Männchen mit Flügelzittern und Bettelrufen eingeleitet, worauf die Kopulation erfolgt. Beide Partner beteiligen sich am Nestbau, wobei das Männchen Nestmaterial herbei schafft, das das Weibchen verbaut. Der Außenbau ist aus kräftigen Halmen und Zweigen zusammen gefügt, der Mittelbau enthält neben weichen Grashalmen auch Gespinste von Moos, während der Innenbau meist aus kleinen Würzelchen besteht. Die Eier können verschieden aussehen, sind aber innerhalb des Nestes gleich. Die Grundfärbung ist grünlich-gelblich oder rötlich-braun, wobei sich am stumpfen Pol oft gefärbte Flecke zu einem Kranz vereinen. Das Weibchen legt zwischen Mai und Juli 4 bis 6 Eier und bebrütet sie 14 bis 16 Tage, wobei es vom Männchen gefüttert wird. Die Jungen kommen blind und Nackt zur Welt und sperren zur Fütterung den Schnabel weit auf. Die Nestzeit beträgt etwa 14 bis 15 Tage, wobei die Jungen im Nest sehr verschwiegen sind. Wenn die noch flugunfähigen Jungen später das Nest verlassen, sind sie sehr geschickte Zweighüpfer und machen mit lautem Kreischen die fütternden Eltern auf sich aufmerksam. Für gut eine Woche ist die Würgerfamilie mit seinen flüggen Jungen nicht zu überhören. Gleich nach dem Ausfliegen mausern sich die Jungen zu einem Jugendkleid. Sie bleiben in Nestnähe und werden noch etwa 3 Wochen außerhalb der Neststätte gefüttert und bewacht. Flügge Neuntöter tragen auf der Ober- und auf der Unterseite des Gefieders die für Würger kennzeichnenden Bogenlinien.

Die Neuntöter verlassen unsere Region Ende August, Anfang September, wobei die Altvögel den Zug eröffnen. Sie fliegen einzeln und meist die ganze Nacht hindurch, hauptsächlich bei Rückenwind bis ins tropische Afrika, wozu sie etwa 3 Monate benötigen. In der Winterherberge mausern sie sich erneut und die Männchen bekommen ihr prachtvolles Kleid, das je nach Geburtsort etwa verschieden aussehen kann. Die Neuntöter sind in Mitteleuropa reine Sommervögel und kommen im April/Mai in ihre Brutgebiete zurück.

Günter Geiß