Der um Details, Quellenangaben, Links etc. erweiterte (Zusätze kursiv) Leserbrief der Kreisgruppe des BN zur B20 neu (Ortsumfahrung Burghausen)

„Burgkirchnerstraße: Tempo 30 jetzt!“

Nachdem nun in drei Informationsveranstaltungen durch Ingenieurbüros und Straßenbauamt Traunstein im Kreisausschuss (28. 1.), im Gemeinderat Mehring (4. 2.) und im Stadtrat Burghausen (13. 2.) in öffentlichen Sitzungen über die Pläne der Ortsumfahrung Burghausen B20 neu (mit angrenzenden weiteren Projekten) informiert wurde, nun auch die Sicht des Bund Naturschutz (BN). In öffentlichen Sitzungen diskutieren und fragen natürlich nicht die interessierten Bürger sondern nur die Gemeinde- und Stadträte.

Auffällig hat sich aus Sicht des BN die Begründung für diese Umfahrung in den letzten Jahren verändert:

Klar scheint allen Beteiligten inzwischen, dass frühere Hauptargumente wie eine deutliche Lärmreduzierung, deutlich erhöhte Sicherheit in der Burgkirchnerstraße mit der Umfahrung leider nicht erreicht werden. Die Behauptung von Baudirektor König im Kreisausschuss (28. 1.), die Lärmreduzierung würde 10 dB(A) betragen, ist falsch: Auf mein Mail und zwei Telefongespräche hin wurden die 10 dB(A) als Rechenfehler bezeichnet und in Mehring und Burghausen auch richtiggestellt; richtig wären 2,4 dB(A). Bürgermeister Steindl stellte zudem in Aussicht, nach dem Bau einer Ortsumgehung  weitere Maßnahmen (Tempo 30 km/h, …) anzugehen, wie wir sie seit längerem vorschlagen. Im Internet gibt es Online-Rechner, mit denen man rechnerische Lärmbelastungen berechnen kann. Übrigens hat der BN, Ortsgruppe Burghausen, 2010 erstmals in der Burgkirchnerstraße mit dem VCD Lärmmessungen durchgeführt und diese in einer Diskussionsveranstaltung vorgestellt. 3dB(A) weniger entsprechen übrigens einer Lärmminderungauf die Hälfte.


Aber warum diese nicht sofort realisieren? Das wäre auch schon länger möglich gewesen, zu vergleichsweise geringen Kosten. „Tempo 30 innerorts auf Bundestraßen“ ist nämlich möglich und würde die Anwohner sofort entlasten (rein rechnerisch 2,6 dB(A)), während die Wahrscheinlichkeit für eine Ortsumfahrung wegen Unterfinanzierung gering ist. „Tempo 30“ würde auch die Sicherheit erheblich verbessern, steht doch ein Fahrzeug mit Tempo 30 bei einer Vollbremsung, wo eines mit Tempo 50 gerade erst anfängt zu bremsen. Ein Beispiel für "Tempo 30 innerorts auf einer Bundesstraße" ist etwa Unterjesingen, Tübingen, B28, wo dies ein CDU Ortsvorsteher einweiht; viel mehr Beispiele findet man, wenn man "Tempo 30 Bundesstraße" googelt. Und hier eine Visualisierung der Bremswege bei Tempo 50 und Tempo 30. Nachdem mit kostengünstigen Schritten eine Lärmminderung möglich ist, darf der Lärm nicht als Druckmittel für die Unterstützung einer Umgehungslösung benutzt werden. Es ist bekannt, dass für ähnliche Straßenbauprojekte etwa10mal höhere Finanzmittel nötig als vorhanden sind, d.h. dass nur jedes zehnte Projekt finanziert werden kann, und dies soll auf Basis des neuen Bundesverkehrswegeplanes 2014 entschieden werden.

Immer klarer wird auch, dass die von einigen – nicht von Prof. Kurzak - verwendeten hohen Zuwachsraten im Straßenverkehr zumindest für die Burgkirchnerstraße nicht zutreffen, dort stagniert der Durchgangsverkehr seit über 10 Jahren. 2013 wird vom Bundesverkehrsministerium zudem eine neue „Verkehrsprognose 2030“ auf Basis neuer Messwerte erstellt, „da die bestehende Verkehrsprognose 2030 zunehmend an Aktualität verliert und daher nicht als Grundlage für einen neuen Bundesverkehrswegeplan herangezogen werden kann.“ Siehe dazu auch die Zahlen in dem Vortrag zur Lärmverminderungvon 2010, S. 27; davor einige der Ergebnisse der Lärmmessungen. Einige Daten zur Verkehrsentwicklung in Bayern 2005 - 20010 herausgegeben vom Bayerischen Ministerium des Inneren.

Klar ist auch erstmals geworden (BM Steindl), dass die Umfahrung mit erheblichen und langfristigen Kosten für die Gemeinden oder den Landkreis verbunden sein wird, da dann zumindest große Teile sowohl der alten B20 als auch der Burgkirchnerstraße Gemeindestraßen werden. Die alte B20 ist ca. 9,5 km lang und wird wohl teilweise zu einer Gemeindeverbindungs- und teils zu einer Gemeindestraße zurückgestuft. Was mit der Burgkirchnerstraße passiert, die teilweise auf Mehringer Gebiet verläuft, ist uns nicht klar. Klar ist, dass in jedem Fall der Bürger letztlich den Unterhalt bezahlt.. 

Die Umfahrung B20neu wird nach unser Meinung heute in etwa wie folgt begründet (Landrat, Bürgermeister): Es handelt sich um eine Strukturmaßnahme, die die B20 zwischen Marktl und Freilassing verbessern soll. Der BN frägt, ob zwei Nord-Südverbindungen im Landkreis nötig sind, die B20 neu und die anscheinend in Berlin geplante via B588 und B299? Es geht uns nicht darum, dass eine Nord-Süd-verbindung bei uns nicht, sondern woanders gebaut wird, sondern darum, dass zwei Nord-Südverbindungen im LK AÖ in jedem Fall zu viel sind.

Zum anderen wird die Umgehung als für die wirtschaftliche Entwicklung des Industriestandortes Burghausen notwendig bezeichnet. Ist aber die Umfahrung Burghausen tatsächlich für eine ökonomische und nachhaltige Entwicklung des Industriestandortes Burghausen, die auch der BN will, wichtig? Diskutiert wurde dies bislang nicht.

Eine weitere Zerschneidung und Gefährdung bisher weitgehend intakter Flächen (der Bereich Prießen- und Lengthal, Hechen- und Eschlberg ist das letzte, größere, nicht durch größere Straßen durchschnittene Gebiet bei Burghausen) durch neue Straßen bei stagnierendem KfZ-Verkehr (siehe die Zahlen von 1998 und 2008 im oben angegebenen Vortrag, auch Zahlen von 2011 stützen dies offensichtlich), sinkender Bevölkerung und verbesserter Bahn-Infrastruktur (KV-Terminal und baldiger Ausbau der Teilstrecke Altmühldorf-Tüssling), ist jedenfalls nicht nachhaltig für den Erhalt einer lebenswerten Umgebung.

Dr. Ernst-Josef Spindler
Bund Naturschutz in Bayern, Ortsgruppe Burghausen
Am Pulverturm 19
84489 Burghausen