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Natur- und Umweltthemen

Waldrapp-News 2020

30. 12. 2020: Waldrapp auf der Titelseite

Waldrapp auf der Titelseite des Bild der Wissenschaft

20. Dezember 2020: Spannender Abschluss der Herbstmigration

Die Herbstmigration der Brutkolonien nördlich der Alpen ist zu einem Ende gekommen. An die 120 Vögel befinden sich in zurzeit im Wintergebiet WWF Oasi Laguna di Orbetello in der Toskana. Weitere 40 Waldrappe sind auf das Gebiet nördlich bis zum Südrand der Alpen verteilt. Wir rechnen damit, dass noch mehr Waldrappe das Wintergebiet erreichen, obwohl wir die Erfahrung gemacht haben, dass eine steigende Zahl an Vögeln den Winter nördlich davon verbringt. Diese fortschreitende Verkürzung der Zugdistanz in Teilen unserer Population, ist ein Phänomen, das auch in anderen Zugvogelarten immer häufiger beschrieben wird. Die Klimaerwärmung als Folge des Klimawandels ist die wahrscheinlichste Ursache für die Verkürzung der Zugwege.

Dieses Jahr wurden wir auf eine weitere Konsequenz der Klimaerwärmung aufmerksam. Rund 20 Vögel der Brutkolonien Burghausen und Kuchl blieben bis in den Dezember nördlich der Alpen. Bereits im Jahr 2014 waren wir mit einer ähnlichen Situation konfrontiert, bei der wir einen schmerzhaften Teil unserer Population verloren. Für die vergangene Woche wurde ein anhaltender Wintereinbruch für große Teile Österreichs angesagt, welcher uns dazu veranlasst hat, die verbleibenden Vögel im Inntal und südlich der Stadt Salzburg einzufangen. Die Adultvögel wurden daraufhin in Bozen freigelassen, sie kennen die Migrationsroute und werden den Zug Richtung Süden weiter fortsetzen. Die unerfahrenen Jungvögel hingegen mussten wir direkt bis in das Wintergebiet in der Toskana transferieren.

Aufgrund der sich rasch verändernden Umweltbedingungen werden solche Ereignisse in den nächsten Jahren häufiger auftreten. Simulationsmodelle konnten zeigen, dass die stetig wachsende Population durch solche stochastischen Ereignisse nicht gefährdet sein wird. Diese Erkenntnis bestätigt uns in dem Vorhaben, die Eingriffe in das Zugverhalten in Zukunft zu reduzieren. Im derzeitigen Stadium, in dem sich unsere Population befindet, sind eingreifende Maßnahmen jedoch gerechtfertigt und wie wir glauben auch notwendig.

Obwohl wir in diesem Jahr keine menschengeführte Migration umsetzen konnten, wuchs die Population von 142 Individuen Ende 2019 auf rund 160 Individuen mit Ende des Jahres 2020. Das Wachstum ist vorrangig durch die 27 geschlüpften Jungen in den Brutgebieten Burghausen und Kuchl, sowie durch die Integration weiterer 39 Jungvögel der Brutkolonie Rosegg in Kärnten in die Gesamtpopulation (wir haben in früheren Newslettern davon berichtet) begründet. Unsere Population besteht aktuell aus vier Brutkolonien, Burghausen in Bayern und Kuchl in Salzburg (rund 80 Vögel), Überlingen in Baden-Württemberg (rund 40 Vögel) und Rosegg in Kärnten (rund 40 Vögel).

Hinzu kommen ein Jungvogel der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Oberösterreich und drei Jungvögel aus Fagagna in Friaul-Julisch Venetien (beides freifliegende sedentäre Kolonien), die sich im Wintergebiet unserer Population angeschlossen haben. Eine aufregende Entwicklung! In den kommenden Jahren werden wir uns vermehrt mit solchen, immer häufiger auftretenden Interaktionen auseinandersetzen müssen, wovon die wiederangesiedelte europäische Population im Endeffekt profitieren wird.

2. November 2020: Ohne Teamplay kein Überleben

Presseaussendung des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF zum Forschungsprojekt FWF P 30620, das im Rahmen unseres Wiederansiedlungsprojekts durchgeführt wird.

Wenn Zugvögel in Richtung Süden fliegen, ist dies ein eindrucksvolles Beispiel für Kooperationsverhalten, um Kraft und Energie zu sparen. Für die Wissenschaft war es bisher unmöglich, dieses Phänomen in der Natur zu erforschen. Nun gelang es Forschenden, die junge Waldrappen in ihr Winterquartier leiteten, erstmals einen umfangreichen Datensatz zu gewinnen. Dieses Verhalten besser zu verstehen, ist auch mit Blick auf den Klimawandel von grundlegender Bedeutung. 

Wer kennt das faszinierende Bild nicht: Zugvögel, die exakt aneinandergereiht in V-Formationen in Richtung Süden fliegen. Dieser Formationsflug ist nicht nur optisch beeindruckend, sondern zudem ein besonderes Beispiel für Kooperationsverhalten im Tierreich. Bisher war eine Annäherung an das Phänomen aber nur über mathematische Modelle und Simulationen möglich. Denn mit wildlebenden Zugvögeln konnten die nötigen empirischen Daten nicht gesammelt werden. 

Ein großes europäisches Artenschutzprojekt, das auch aus dem europäischen LIFE-Programm gefördert wurde (LIFE+12-BIO_AT_000143), bietet einen außergewöhnlichen Rahmen für ein Forschungsprojekt, das noch bis Ende 2021 läuft und vom Wissenschaftsfonds FWF finanziert wird. 

In den Jahren 2018 und 2019 hat das Forschungsteam mit Hilfe von Ultraleichtflugzeugen zwei Gruppen von Jungvögeln bei deren erster Migration von einer Brutkolonie im deutschen Überlingen am Bodensee zum Winterquartier in die südliche Toskana zur WWF Oasi Laguna di Orbetello geleitet. Das ist notwendig, weil es für diese Jungvögel der Premierenflug ist. Nur so können die in Europa ausgerotteten Waldrappe wieder in freier Wildbahn angesiedelt werden. Außerdem setzt der Klimawandel den Zugvögeln immer stärker zu, weshalb die Erforschung des Migrationsflugs von großer Bedeutung für den europäischen Artenschutz ist. Es wird immer wichtiger werden, das Zugverhalten von Arten exakt modellieren und an die geänderten Umweltbedingungen anpassen zu können. 

Eine Schlüsselfunktion nimmt dabei die Kooperationskompetenz zwischen den Individuen ein, wovon das Überleben des einzelnen Vogels ebenso wie das der ganzen Population abhängt. Die erste Migration ist für Jungvögel besonders riskant: Verliert ein junger Waldrapp den Kontakt zur Gruppe und kann sich keiner anderen anschließen, bedeutet dies den sicheren Tod. Dass beim Formationsflug prinzipiell Energie gespart wird, war zwar von theoretischen Modellen her bekannt, nicht aber, wie es funktioniert und wieviel Energie ein Vogel tatsächlich spart. 
Von der Frage, wie die Daten gesammelt werden bis zur Datenanalyse hat das Team gleich mehrmals Neuland betreten. Mit an Bord sind daher die PhD-Studentinnen Elisa Perinot aus Italien und Ortal Rewald aus Israel sowie Partner von Forschungsinstituten der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der Universität Wien, der Fachhochschule Joanneum in Graz und der Universität Bern. 

Die exakte Position des Individuums in Relation zu den anderen – fliegt es voraus oder hinterher – ist ein Kernaspekt, um Energieeffizienz zu erforschen. Alle Individuen wurden deshalb mit extraleichten „Datenloggern“ ausgerüstet. Täglich haben die Forschenden die Geräte den Vögeln auf- und abmontiert. „Der Datenlogger übermittelt keine Daten, sondern speichert sie intern ab. Besonders herausfordernd war für uns, die extrem hohe Präzision auf wenige Zentimeter genau zu erreichen“, resümiert der Forscher. Der Zugriff auf drei globale Satellitennavigationssysteme (GPS, Galileo, GLONASS) macht dies möglich. Ein Vogel spart nur dann Energie, wenn er in einem bestimmten Abstand zum Vordermann fliegt und gleichzeitig seinen Flügelschlag exakt synchronisiert. Deshalb misst ein Bewegungssensor im Datenlogger permanent sowohl die Frequenz des Flügelschlags als auch die Position des Flügels. Um herauszufinden, wie viel Energie das Individuum dabei spart, wurde bei je vier Jungvögeln auch die Herzfrequenz über Elektroden gemessen. Um Herzfrequenz in Zusammenhang mit dem stoffwechselbedingten Energieverbrauch (Energieumsatz) setzen zu können, der über die Atemluft gemessen wird, war es nötig, diese beiden Werte unter Laborbedingungen zu kalibrieren. In einem eigens entwickelten Windkanal haben die „Zieheltern“ von vier separat aufgezogenen Jungvögeln dazu Daten gesammelt. 

Im Zuge der beiden Migrationen entstand letztlich ein umfassender und neuartiger Datensatz, der derzeit analysiert wird. Das Team vermutet aufgrund von mathematischen Modellen, dass die Energieersparnis zwischen 15 und 30 Prozent beträgt, was speziell für unerfahrene Jungvögel mit niedrigerem Leistungsvermögen erheblich ist. Mithilfe dieser empirischen Datengrundlage kann die menschengeleitete Migration weiter verbessert und der Artenschutz von Zugvögeln optimiert werden.

Bleibt die Frage: Haben die Vögel dieses Verhalten in den Genen? Oder lernen sie die Kooperation durchs Tun? Offenbar ist Kooperationskompetenz ein Entwicklungsprozess: Die Forscher haben beobachtet, dass die Jungvögel bei den Trainingsflügen noch ein bunter Haufen waren. Als sie in Zugstimmung kamen, schienen sie den Ernst der Sache zu erkennen und begannen, in Formation zu fliegen. Mit jeder Flugetappe hat die Kooperation besser funktioniert. 

22. Oktober 2020: Bislang unbekannte Augentrübung bei Waldrappen als Folge der GPS-Besenderung

Jede Form der Besenderung oder Kennzeichnung von Wildtieren ist mit Kosten und Risiken für die Tiere verbunden. In einem jetzt kürzlich veröffentlichten Artikel (Download) beschreiben wir eine besonders ungewöhnliche Folge der GPS-Besenderung bei Waldrappen.

Seit 2014 verwenden wir GPS-Geräte in unserem Projekt. Anfangs waren alle Vögel mit batteriebetriebenen Geräten ausgestattet, die am unteren Rücken befestigt waren. Seit 2016 wurden immer mehr solarbetriebenen Geräten verwendet, die bevorzugt im oberen Bereich des Rückens befestig werden, da dies die sonnenexponierteste Position ist.

Während einem regelmäßigen Veterinärscreening im Jahr 2016 haben wir bei einem Vogel an einem Auge eine Trübung der Hornhaut bemerkt. In weiterer Folge trat dieses Symptom, das uns bislang völlig unbekannt war und auch in der Literatur nicht beschrieben ist, bei insgesamt 25 Vögel mit unterschiedlicher Intensität bis zur Erblindung auf. Bei allen bekannten Fällen trat die Augentrübung ausschließlich an einem Auge auf, weshalb wir dieses Phänomen als Unilateral Corneal Opacity (UCO) bezeichnen.

Umfangreiche klinische Untersuchungen ergaben keine eindeutige Ursache. Aber wir fanden eine unerwartete und erstaunliche Korrelation. Ausschließlich Vögel mit einem Sender am oberen Rücken zeigten diese Augentrübung, während Vögel, die den Sender am unteren Rücken trugen, keinerlei Symptome zeigten. Nachdem wir diesen Zusammenhang entdeckt haben, entfernten wir GPS-Geräte, die am oberen Rücken befestigte waren. Bei den betroffenen Vögeln verschwanden daraufhin die Symptome, sofern das Auge nicht schon irreversibel beschädigt war.

Der Zusammenhang zwischen UCO und GPS-Besenderung wird verständlich, wenn man das Verhalten der Vögel beobachtet. Waldrappe schlafen, wie viele andere Vogelarten auch, mit dem Kopf am Rücken. Dabei kommt ein Auge in unmittelbare Nähe zu einem GPS-Gerät, das am oberen Rücken befestigt ist. UCO scheint daher die Folge einer kumulativen Nahwirkung von Gerätekomponenten auf das betreffende Auge zu sein. Da die Hornhaut zu den thermisch empfindlichsten Geweben des Körpers gehört, vermuten wir, dass UCO die Folge elektromagnetische Strahlung ist, indem sie einen leichten Temperaturanstieg im Gewebe verursacht. Die Strahlung wird immer dann emittiert, wenn das Mobiltelefon-Modul des GPS-Gerätes die Positionsdaten übermittelt. Dieser Kausalzusammenhang ist eine Hypothese, die noch experimentell überprüft werden muss.

Inzwischen wurde UCO auch in der Spanischen Waldrapp-Population Proyecto eremita beobachtet, im genau selben Kontext. Wir gehen davon aus, dass auch besenderte Individuen anderer Vogelarten betroffen sind. Allerdings ist die Symptomatik schwierig festzustellen, da man die Tiere in freier Wildbahn kaum aus der Nähe beobachten kann. Generell stellen unsere Ergebnisse die Besenderung von Vögeln nicht in Frage. Aber die Augentrübung zeigt, dass ein umfassendes Monitoring von besenderten Tieren erforderlich ist und dass dabei auch auf scheinbar unzusammenhängende Symptome geachtet werden muss.

Derzeit tragen etwa 90% unserer Waldrappe GPS-Geräte, die alle am unteren Rücken befestigt sind. Diese Position ist für das Solarmodul nicht ideal, da es häufig von Flügelfedern abgedeckt wird und das GPS-Gerät somit nicht optimal geladen wird. Seit 2019 wurden bei unserer kontinuierlichen Überwachung keine neuen Fälle von einseitiger Augentrübung beobachtet.

Fritz J, Eberhard B, Esterer C, Gönner B, Trobe D, Unsöld M, Voelkl B, Wehner H & Scope A (2020): Biologging is suspect to cause corneal opacity in two populations of wild living Northern Bald Ibises. Avian Research 11:38, 1-9; DOI: 10.1186/s40657-020-00223-8; Download

19. Oktober 2020: Spannender Auftakt der Herbstmigration

Die Brutsaison in Burghausen und Kuchl ist mit 27 flüggen Jungvögeln in 9 Nestern erfolgreich abgeschlossen. Wie schon in den Jahren zuvor haben die Waldrappe ihre Brutgebiete im August verlassen und sich in Salzburg gesammelt. Mit dabei sind auch sechs Vögel der sedentären Kolonie der Konrad-Lorenz Forschungsstelle in Grünau im Almtal. Damit umfasst die Großgruppe, die sich derzeit nördlich der Alpen aufhält, insgesamt 53 Vögel.

Wir haben in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass für die Waldrappe die direkte Flugroute von Salzburg aus Richtung Süden ungünstig zu sein scheint. Die Vögel fliegen ins obere Salzachtal und versuchen dann entweder auf direktem Südkurs weiter nach Kärnten oder über den Gerlospass ins Zillertal und dann nach Südtirol zu fliegen. Auf diesem Zugkorridor kommt es häufig zu Anflügen, die dann wieder abgebrochen werden. Dadurch verzögert sich die Migration und die Tiere laufen Gefahr infolge eines Wintereinbruchs festzusitzen. Wir gehen davon aus, dass die Vögel diese Routen insbesondere deshalb nach wie vor befliegen, weil wir die Gründerindividuen im Rahmen der menschengeführten Migrationen entlang dieses Zugkorridors geführt haben.

Gleichzeitig wählen immer mehr Waldrappe sowohl im Herbst als auch im Frühjahr einen zweiten Zugkorridor. Dieser Korridor führt ins Inntal und dann entweder über das Zillertal und das Pfitscher Joch oder den Brennerpass nach Südtirol. Diese westlichere Route scheint für die Vögel wesentlich effizienter zu sein, wir beobachten dort kaum abgebrochene Anflüge.

Wir haben uns deshalb entschlossen, diesen westlicheren Korridor zu fördern, indem wir insbesondere zugunerfahrene Jungvögel samt Leitvögeln von Salzburg in das Unterinntal transferieren. In kleineren Gruppen haben wir das schon in früheren Jahren gemacht und damit gute Erfahrungen gesammelt. In diesem Jahr haben wir das in größerem Umfang praktiziert. In den letzten zehn Tagen haben vier Leute aus unserem Team insgesamt 31 Vögel transferiert. 2 subadulte Waldrappe hielten sich bereits im Inntal auf, damit haben wir derzeit 33 Waldrappe im Inntal, weitere 20 Waldrappe halten sich weiterhin im Land Salzburg auf. Unter den 33 Waldrappen im Inntal sind zwei besenderte Jungvögel der Konrad-Lorenz Forschungsstelle.

Der Entschluss, in diesem Jahr nicht abzuwarten, sondern den Transfer in größerem Umfang bereits Anfang Oktober umzusetzen, hängt auch damit zusammen, dass wir damit rechnen müssen, später im Jahr aufgrund der zunehmenden Reiseeinschränkungen und Maßnahmen in Verbindung mit der COVID Pandemie in unserem Management stark eingeschränkt zu sein. Leider bestätigte sich diese Annahme rascher als erwartet. So wurde über die Gemeinde Kuchl im Land Salzburg, Brutgebiet einer unserer Waldrappkolonien, aufgrund der steigenden Infektionszahlen bereits eine Quarantäne verhängt. 

Umso erfreulicher ist es, dass auch die Herbstmigration in der Brutkolonie Überlingen am Bodensee begonnen hat. Alle 12 Waldrappe, die sich den Sommer dort aufgehalten haben, sind wieder am Weg in den Süden, zwei Vögel haben bereits das Wintergebiet erreicht.

Und ebenfalls sehr spannend gestaltet sich die Herbstmigration in Kärnten. Dort wird seit letztem Jahr mit Jungvögeln der sedentären Rosegger Kolonie eine weitere migrierende Brutkolonie aufgebaut. Während die sedentären Rosegger Vögel kürzlich in die Voliere geholt wurden, wo sie den Winter verbringen, verblieben 37 Jungvögel im Freiflug. Um bei diesen Jungvögeln eine Zugtradition zu etablieren haben wir ihnen 6 zugerfahrene Leitvögel aus unserer Kolonie zur Seite gestellt. Von diesen 43 Waldrappen halten sich derzeit 12 Vögel noch in Kärnten auf, während die restlichen 31 Vögel bereits südlich der Alpen in Friaul ist.

24. Juli 2020: Positives aus den Brutgebieten

Bereits 12 Waldrappe sind in diesem Jahr nach Überlingen in Baden-Württemberg zurückgekehrt, und von denen wurden 7 in den letzten Wochen zeitgleich vor Ort (siehe Foto) festgestellt. Das sind weit mehr Vögel als vom Projektteam aufgrund bisheriger Erfahrungen erwartet wurde. Brut kam in diesem Jahr aufgrund der COVID-19 Pandemie noch nicht zustande. Darüber haben wir schon berichtet.

In den beiden bereits etablierten Brutgebieten Kuchl im Land Salzburg und Burghausen in Bayern ergab die heurige Brut eine sehr bedeutende Anzahl an Jungvögeln, die jetzt nach und nach flügge werden. Mit insgesamt 27 Küken in 9 Nester ergibt sich, für dieses Jahr, ein Mittelwert von 3,0 flüggen Jungvögeln pro Nest, ein extrem guter Wert. Der Mittelwert der letzten Jahre liegt in diesen Kolonien bei 2,2 flüggen Jungvögeln pro Nest. Im Vergleich dazu, liegt das mehrjährige Mittel der anderen Waldrappkolonien (Marokko, Türkei, Spanien) mit 1,0 und 1,5 flüggen Jungvögeln pro Nest weit darunter.

Der überragende Reproduktionserfolg in diesem Jahr ist umso bedeutender, als wir durch die COVID-19 Pandemie im Management der Vögel stark eingeschränkt waren. In Kuchl haben die Waldrappe zudem selbstständig die natürlichen Nischen besiedelt und sich so gänzlich unserem Zugang entzogen. Manche KollegInnen haben die Erfolge des Waldrappteams in den letzten Jahren beharrlich mit dem Argument relativiert, dass unsere Vögel nur deshalb so erfolgreich reproduzieren, weil sie gefüttert und betreut werden. Unrichtig war dieses Argument schon bislang, den konsequenten Gegenbeweis verdanken wir nun den Einschränkungen durch die Pandemie.

Der tatsächliche wesentliche Grund für die herausragende Entwicklung unserer Population sind die geeigneten ökologischen Rahmenbedingungen, insbesondere die reichhaltige Verfügbarkeit geeigneter Nahrungshabitate in den Brutgebieten. Derzeit werden diese Flächen im Rahmen einer umfangreichen Datennahme erfasst, um in weiterer Folge die Verfügbarkeit von geeigneten Bruthabitaten im gesamten Alpenvorland zu modellieren.

Unsere Population unterscheidet sich von allen anderen Populationen aber auch durch ihr intaktes Zugverhalten. Nur dieses ermöglicht den Waldrappen die Nutzung dieser reichhaltigen Nahrungshabitate für die Jungenaufzucht, da diese Gebiete im Winter kein Überleben ermöglichen. Das Zugverhalten bietet zudem eine höhere ökologische Flexibilität, um auf sich ändernde Umweltbedingungen zu reagieren. Das hat insbesondere in Bezug auf den Klimawandel zunehmende Bedeutung.

Bestärkt durch die positiven Entwicklungen in den Brutgebieten haben wir am 16. Juli zum dritten Mal eine „Concept Note“ für ein weiteres LIFE Projekt eingereicht, diesmal mit grundlegenden Änderungen zu den vorherigen Versionen. Wir sind optimistisch!

4. Juni 2020: Vorzeitiges Ende zur Halbzeit? Neuerlich wurde unser Antrag zu eine weitere LIFE Finanzierung abgelehnt

Seit kurzem wissen wir, dass auch der zweite LIFE-Projektantrag für eine Fortführung des Waldrapp-Wiederansiedlungsprojekt abgelehnt wurde. Ironischer Weise passiert das zu einer Zeit, wo wir uns einen besseren Verlauf des Projektes gar nicht wünschen können.

Trotz der erheblichen COVID-19 Einschränkungen beim Management, sind in den beiden Brutgebieten Burghausen (Bayern) und Kuchl (Land Salzburg) mehr als 30 Küken zu erwarten. Fünf Brutpaare brüten erstmals in den Nischen des prächtigen Konglomeratfels in Kuchl. In diesem Frühjahr sind bereits fünf Vögel der neu gegründeten Überlinger Brutkolonie in ihr Brutgebiet zurückgekehrt und weitere fünf Vögel befinden sich bereits nördlich der Alpen. Dies übertrifft unsere Erwartungen bei weitem und macht uns zum ersten Projekt weltweit, dem es gelungen ist eine Zugvogelart wieder zum Migrieren zu bringen und zwei distinkte Zugtraditionen zu gründen.

Die Erfolge des ausgelaufene LIFE+ Projekt sind im Abschlussbericht dargestellt. Wir konnten die gesetzten Ziele großteils nicht nur erreichen, sondern sogar übertreffen. Zum Beispiel konnten wir Verluste durch illegale Jagd in Italien halbieren. Dies ist ein wichtiger Erfolg im Kampf gegen diese bedeutende Form der Umweltkriminalität, aber die Kampagne muss fortgeführt werden, um nachhaltige Effekte zu erzielen. Die mediale Berichterstattung und die wissenschaftlichen Publikationen haben dieses LIFE+ Projekt weit über die Grenzen der Europäischen Gemeinschaft hinaus bekannt gemacht. In mehr als 50 TV-Produktionen und mehr als 500 Artikeln im Zeitraum des LIFE+ Projektes konnten wir Menschen in einem positiven Kontext für Natur- und Artenschutz interessieren und begeistern - Grund zur Hoffnung in einer Zeit, die von Krisen und Katastrophen dominiert ist.

Bereits unser erster Antrag für ein LIFE Folgeprojekt wurde abgelehnt. Ausschlaggebend dafür waren insbesondere finanztechnische und organisatorische Aspekte. Für den zweiten Antrag haben wir versucht, die Kritikpunkte aus der ersten Bewertung in einer umfassenden Überarbeitung zu berücksichtigen, auch der Kostenumfang wurde erheblich reduziert. Leider ohne Erfolg. Die Bewertung war weitgehend ident und das Projekt wurde neuerlich abgelehnt.

LIFE und NATURA 2000 ist wohl das größte und erfolgreichste Natur- und Artenschutzprogramm der Gegenwart. Eine wichtige und zukunftsweisende Initiative der Europäischen Gemeinschaft, davon sind wir nach Umsetzung unseres ersten LIFE+ Projektes überzeugt. Eine kritische und objektive Evaluierung der Anträge ist ein wichtiges Kriterium für den Erfolg. Die kürzlich erfolgte neuerliche Ablehnung unseres Antrages aufgrund finanzieller und organisatorischer Kritik ist aber schwer nachvollziehbar, zumal die Maßnahmen und Ziele des Projektes beide Male positiv bewertet wurden.

Modellierungen zur Überlebenswahrscheinlichkeit der im Rahmen des LIFE+ Projektes gegründeten europäischen Waldrapppopulation liefern positive Zukunftsprognosen. Das Ziel einer selbständig überlebensfähigen europäischen Population ist realistisch, allerdings nur wenn Management und Auswilderung noch über mehrere Jahre fortgesetzt werden. Ein vorzeitiges Ende des Projektes zum jetzigen Zeitpunkt, quasi zur Halbzeit, würde mit hoher Wahrscheinlichkeit das neuerliche Aussterben dieser europäischen Population zur Folge haben.

Deshalb machen wir weiter. Unser Engagement für ist überlebenswichtig für diese bedrohte Art. Wir sind allen Partnern, Sponsoren, Paten, Volontären und Waldrapp-Freunden verpflichtet und hoffen auf deren weitere Unterstützung, um das Projekt vorerst weiter umsetzen zu können. Zur längerfristigen Sicherung des Projektes werden wir aber neuerlich einen LIFE Antrag einreichen, in dem wir die Kritik der Experten noch umfassender berücksichtigen werden. Der Waldrapp sollte die Chance bekommen, wieder ein fester Bestandteil der europäischen Fauna zu werden. Grund zur Hoffnung bleibt unser Motto.

7. Mai 2020: Rückkehr der Waldrappe nach Überlingen und Rosegg

Am 7. Mai landete das Männchen Zoppo im Brutgebiet Überlingen am Bodensee. Es ist der erste erwachsene Waldrapp, der 400 Jahren nach der Ausrottung wieder selbständig in dieses ehemalige Brutgebiet zurückkehrt. Zoppo ist am 29. März im Wintergebiet Laguna di Orbetello aufgebrochen, am 7. April in die Schweiz geflogen, querte dort drei Mal die Alpen und hielt sich dann seit 23. April im Schweizer Alpenvorland auf. Nach einem kurzen Aufenthalt im nahen Frankreich und einer Schlechtwetterphase flog Zoppo schließlich Richtung Bodensee und erreichte am 7. Mai Überlingen. Bereits am 6. Mai wurde ein weiterer Meilenstein erreicht, als erstmals ein Waldrapp aus dem Wintergebiet in den Tierpark Rosegg in Kärnten zurückkehrte. Das Männchen namens Phebe wird damit zum Gründer einer ersten wildlebenden migrierenden Waldrapp-Kolonie südlich der Alpen. Erfolgreicher könnte der bisherige Verlauf der Saison 2020 kaum sein.

Im Brutgebiet traf Zoppo auf seine ehemaligen Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg. Er erkannte sie sofort, die Wiedersehensfreude war beiderseits offensichtlich groß. Anne brachte Zoppo zu einer künstlichen Brutstruktur, gleich oberhalb der Molassefelsen am Bodenseeufer. Dort sollten die Überlinger Waldrappe anfangs brüten, um dann gemeinsam mit ihren Küken in die Naturfelsen am Bodensee übersiedelt zu werden. Aufgrund der COVID-19 Pandemie konnte die Brutstruktur allerdings für diese Saison nicht zeitgerecht fertiggestellt werden. Es fehlt vor allem die Voliere, um die ankommenden Vögel zu sammeln und an den für sie noch unbekannten Ort zu gewöhnen.

Zoppo hat in Überlingen bereits Gesellschaft bekommen, das zweijährige Weibchen Bonsi ist am 10. Mai angekommen. Drei weitere Überlinger Waldrappe haben bereits die Alpen überquert und halten sich aktuell in der Schweiz auf. Zusätzlich sind noch 12 Waldrappe der Brutkolonie Überlingen in Italien auf dem Weg Richtung Norden. Das ist für das Projekt ein großer Erfolg, auch wenn es in diesem Jahr vermutlich noch zu keiner Brut kommen wird. 2021 ist aber jedenfalls mit einer Brut zu rechnen, rechtzeitig zur Landesgartenschau in Überlingen, die auch auf 2021 verschoben werden musste.

Die Rückkehr von Phebe nach Rosegg in Kärnten begeistert Emanuel Lichtenstein, den Besitzer des Tierpark Rosegg und die Tierpflegerin Lynn Hafner mindestens ebenso sehr wie das Waldrappteam. Der Vogel hat eine spannende Geschichte. Er entstammt der zooeigenen, freifliegenden, nicht migrierenden Rosegger Brutkolonie. Im Herbst 2018 flog er mit 10 Artgenossen überraschend aus Rosegg Richtung Süden ab. Die unbesenderten Vögel wurden einige Tage später bei Rom gesichtet und blieben dann verschwunden. Erst Anfang Dezember wurden zwei dieser Vögel in den Abruzzen gesichtet, dort von Daniela Trobe eingefangen und im Wintergebiet in der Toskana in die migrierende Population integriert. Dieses Ereignis wurde zum Auslöser für die Zielsetzung, die Rosegger Kolonie sukzessive in die migrierende Wildpopulation zu integrieren und so eine erste Brutkolonie südlich der Alpen zu gründen. Phebe wird in diesem Jahr wahrscheinlich noch nicht brüten, aber seine Rückkehr ist ein Meilenstein für die Gründung der vierten europäischen Brutkolonie im Rahmen des Wiederansiedlungsprojektes.

10. 4. 2020: Kuchler Waldrappe besiedeln die natürliche Felswand am Georgenberg

Immer mehr Waldrappe verlassen ihr Überwinterungsgebiet in der Toskana und erreichen ihre Brutgebiete. In Burghausen und Kuchl sind jeweils bereits 8 Vögel vor Ort und haben begonnen Nester zu bauen. Besonders spannend sind dabei die Entwicklungen in Kuchl, wo die Waldrappe scheinbar erstmals in der natürlichen Felswand des Georgenbergs zu brüten beginnen.

Bislang haben alle Vögel in Kuchl in einer künstlichen Anlage unterhalb der großen Felswand gebrütet. Letztes Jahr im Juni haben wir dann erstmals zwei Nester mit insgesamt sechs Küken samt den Elternvögeln in eine große Felsnische in einer Höhe von 20 Metern transferiert. Die Elternvögel kümmerten sich weiterhin um die Jungen, fünf davon wurden flügge. Unser Plan für 2020 war weitere Nesttransfers durchzuführen, in der Hoffnung, dass die Vögel die Felswand nach und nach selbständig zum Brüten nutzen. Jetzt stellt sich aber heraus, dass dies nicht mehr notwendig sein wird.

Der Nesttransfer erweist sich somit als eine überraschend effiziente Methode. Dies ist nicht nur für die Kolonie in Kuchl wichtig, sondern auch für die Gründung weiterer Brutgruppen an anderen Standorten, wie zum Beispiel in Überlingen am Bodensee. Darüber hinaus könnte das auch eine wichtige Methode sein, um ehemalige Brutgebiete in Marokko und andernorts neu zu besiedeln.

Es ist für uns erfreulich zu sehen, wie gut die Vögel in dieser Situation allein zurechtkommen. Klar ist aber auch, dass weiteres Management und vor allem weitere Freilassungen notwendig sind, um das nachhaltige Überleben dieser Europäischen Population zu sichern. Dies zeigt auch eine ‚population viability analysis‘, durchgeführt am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, die derzeit veröffentlicht wird.

28. 3. 2020: Aufbruch zur Früh-jahrsmigration: Botschafter der Hoffnung kommen aus Italien nach Burghausen

Die ersten beiden Waldrappe sind in ihrem Brutgebiet im bayerischen Burghausen angekommen. Sie sind vor einigen Tagen in ihrem Wintergebiet, der WWF Oasi Laguna die Orbetello in der südlichen Toskana, abgeflogen und haben die Strecke von rund 1.000 km in wenigen Tagen zurückgelegt. Inzwischen sind weitere Vögel unterwegs. Dennoch beeinträchtigt die COVID-19-Pandemie das europäische Wiederansiedlungsprojekt erheblich.

2020 war die weitere Freilassung von Jungvögeln für die Brutkolonie bei Überlingen am Bodensee geplant. Anfang April sollten 32 Küken aus der Zookolonie des Tierpark Rosegg in Kärntner entnommen werden. Die Vögel sollten von Hand aufgezogen und darauf trainiert werden, einem Ultraleichtflugzeug zu folgen, das sie ab August in das Überwinterungsgebiet in der Toskana führen sollte. Diese Pläne mussten aufgrund der COVID-19-Pandemie für dieses Jahr jedoch aufgegeben werden. Unter den gegebenen Bedingungen ist es unmöglich, die Vögel von Hand aufzuziehen und zu trainieren. Das Risiko für das Team wäre zu hoch.

Aber auch das grundlegende Management der Wildpopulation ist stark beeinträchtigt. Die meisten Vögel befinden sich derzeit in Italien, außerhalb des Einflussbereichs des Projektteams. Allerdings tragen die meisten Vögel GPS-Geräte, die zumindest eine Fernüberwachung ermöglichen. Diese Daten geben Anlass zur Hoffnung, denn immer mehr Vögel verlassen die Toskana in Richtung ihrer Brutgebiete.

Für uns sind die aus Italien zurückkehrenden Vögel Botschafter der Hoffnung. Sie zeigen uns, dass das Leben weitergeht, für die Natur und für die Menschen in diesem Land, das von der gegenwärtigen Pandemie so stark betroffen ist.

Trotz der erheblichen Einschränkungen aufgrund der COVID-19-Pandemie erwarten wir keine nachhaltige Beeinträchtigung für die europäische Population der Waldrappe. Das Populationswachstum wird sich in diesem Jahr zwar erheblich verlangsamen, mit einer regulären Fortsetzung des Projekts ab 2021, hoffentlich im Rahmen eines zweiten LIFE Projekts, können die Ziele aber dennoch erreicht werden. Die europäische Fauna soll wieder mit einer ehemals heimischen Tierart bereichert werden, dem Waldrapp.

18. 3. 2020: COVID-19 Pandemie - Handaufzucht und menschengeführte Migration 2020 abgesagt

Leider kommen auch wir in diesen sehr schwierigen, teils beinahe apokalyptisch anmutenden Zeiten nicht umhin, über negative Neuigkeiten zu informieren.

Wir haben in den letzten Tagen und Wochen beständig versucht, Möglichkeiten und Lösungen zu finden, um die Handaufzucht wie geplant Anfang April zu starten. Die Brut der Waldrappe im Tierpark Rosegg ist bereits im vollen Gange. Die erforderliche Anzahl an Küken wäre mit Anfang April verfügbar, ein ausgezeichnetes Team für die Handaufzucht bereit, bestehend aus Helena Wehner, die schon 2019 gemeinsam mit Anne aufgezogen hat, und Katharina Huchler, die sich letztes Jahr schon beworben hat und dieses Jahr aufgrund ihrer hervorragenden Referenzen zum Zug gekommen wäre.  Auch die Campassistenz, ein Team für die Futterzubereitung und vieles mehr steht bereit.

Entgegen aller guten Hoffnung haben sich in den letzten Tagen die Spielräume derart eingeengt, dass wir weder die Handaufzucht noch die menschengeführte Migration diese Saison durchführen können. Damit sind die Handaufzucht und die anschließende Migration für das Jahr 2020 abgesagt.

Schon die Vorbereitungen für die Aufzucht sind weder zu bewerkstelligen noch zu verantworten. Das ist eine sehr schmerzliche Entscheidung für uns alle, insbesondere für die betroffenen MitarbeiterInnen, die damit kurzfristig ihre Aufgabe und die Finanzierung für eine ganze Saison verlieren.

Uns bleibt zumindest die positive Perspektive einer menschengeführten Migration 2021. Diese Perspektive ist auch für zwei sehr spannende, geplante Medienproduktionen wichtig, eine IMAX 3D Kinoproduktion und eine TV-Produktion des BBC. Beides sind zweijährige Produktionen, die auf 2021 verschoben werden können.

Auch das übrigen Management des Projekts ist derzeit stark eingeschränkt. Auf italienischen Territorium sind Maßnahmen faktisch unmöglich. Daniel Trobe ist gestern aus der Toskana nach Kärnten heimgekehrt und befindet sich vorerst in häuslicher Quarantäne. Eine weitere Mitarbeiterin steht ebenfalls unter Quarantäne, alle anderen Mitarbeiter sind weitgehend auf Heimarbeit beschränkt.

Aber wir haben inzwischen eine Population von mehr als 100 weitgehend selbständigen Tieren. Diese Wildpopulation muss sich nun bewähren und tut dies auch. Mit Jazu ist der erste Vogel nach Burghausen zurückgekehrt, die Frühjahrmigration hat begonnen und weitere Vögel sind am Weg.

Anstelle der menschengeführten Migration, werden wir in diesem Jahr andere Maßnahmen im Projekt forcieren. So wird einer der Schwerpunkte in Zusammenarbeit mit dem Tierpark Rosegg der Aufbau einer migrierenden Brutkolonie in Kärnten sein. In diesem Rahmen sollen die Jungvögel, die wir für die Handaufzucht vorgesehen hätten, in die Wildkolonie integriert werden. Somit wollen wir in dieser stark beeinträchtigten Saison ein Populationswachstum erreichen, das annährend einer regulären Saison entspricht.

Mittlerweile wissen wir jedoch alle, Prognosen und Pläne sind in dieser Zeit äußerst unsicher. Aber gerade dann ist es wichtig Pläne und Perspektiven zu haben und sich den Optimismus zu wahren. In Jane Goodall’s Worten: There is always Reason for Hope.

25. 2. 2020: Artenschutz extrem - Erhalt um jeden Preis?

Die Doku zeigt die Wiederansiedlung des Waldrapp als ein Beispiel für innovativen Artenschutz und als eine Erfolgsgeschichte, die Hoffnung gibt und für den Artenschutz begeistert.

Weltweit sind eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Im Kampf um die Artenvielfalt entwickeln Naturschützer immer ausgefallenere Methoden. Mit Erfolg?

In einer kürzlich ausgestrahlten Dokumentation in der ZDF Doku-Reihe planet-e widmen sich Marilena Schulte und Franca Leyendecker dieser Frage anhand von drei Fallbeispielen.

Ein trauriger Extremfall ist der des nördliche Breitmaulnashorns. Am 19. März 2018 starb das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn „Sudan“ im Alter von 45 Jahren, es musste altersbedingt eingeschläfert werden. Seitdem besteht die Art nur noch aus der Tochter und der Enkelin von Sudan. Das Nördliche Breitmaulnashorn ist somit „funktionell ausgestorben“.
Nach erfolgreicher Entnahme von Eizellen der beiden Weibchen und mit Hilfe von eingelagerten Spermien anderer, bereits verstorbener Artgenossen versuchen Reproduktionsmediziner nun Embryos zu erzeugen, um sie von Weibchen der südlichen Unterart austragen zu lassen. Federführend ist dabei das Team der Abteilung Reproduktionsmanagement am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin.

Das zweite Beispiel ist ein Projekt an der Saar und Mosel, durchgeführt von einem Team um Sebastian Hoffmann, im Auftrag und mit Beteiligung des Fischereiverbandes Saar. Weil der Wanderweg der Aale durch Wasserkraftwerke versperrt ist, werden die geschlechtsreifen Tiere oberhalb der Kraftwerke eingefangen und per Lkw zum Rhein transportiert. Von dort wandern sie weiter in den Atlantik, bis in die Sargassosee östlich von Florida, ihrem traditionellen Laichplatz. Was als Übergangslösung gedacht war, wird zur Routine, denn alternative Lösungen wurden bislang nicht gefunden. Doch die Methode zeigt offenbar Erfolg, die Aal-Bestände nehmen wieder zu.

Das dritte Beispiel ist das Wiederansiedlungsprojekt für den Waldrapp, das den Vögeln mithilfe von Ultraleicht-Fluggeräten eine neue Zugroute lernt. Dieses Projekt brauche ich hier nicht weiter zu erklären.

Manche stellen sich die in diesem Zusammenhang die berechtigte Frage, ob es gerechtfertigt ist, sich angesichts des dramatischen Artenschwunds mit viel Aufwand um einzelne Arten zu kümmern. Als Alternative wird oft der Schutz von Lebensräumen diskutiert, der seit Theodor Roosevelt zum klassischen Ansatz des Artenschutzes wurde, und das mit durchaus viel Erfolg. Aber gerade diese drei Beispiele repräsentieren eine stark zunehmende Zahl bedrohter Arten und Populationen, bei denen dieser klassische Ansatz klar an seine Grenzen stößt. Viele Arten sind heute auf direkte Hilfe durch invasive Maßnahmen angewiesen, um überleben zu können.  

Im Beitrag kommt Katrin Böhning-Gaese vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums zum Schluss, dass angesichts der dramatischen Lage die Vielfalt der methodischen Ansätze unverzichtbar ist, jenseits von Paradigmen.

Und es braucht Erfolgsgeschichten, die Hoffnung geben und zum Artenschutz animieren.

Hier geht es zur Dokumentation

24. 01. 2020: Erfolgsbilanz unseres abgeschlossenen LIFE+ Projekts

Unser LIFE+ Projekt wurde mit Ende 2019 planmäßig abgeschlossen. Die wesentlichen Zielsetzungen des Projekts konnten wir erreichen beziehungsweise übertreffen. So umfasst die wildlebende Waldrapp-Population mit Ende 2019 rund 140 Vögel, und somit um 18% mehr als im ursprünglichen Projektziel definiert (119 Waldrappe).

Durch die Umsetzung einer umfassenden Kampagne gegen illegale Vogeljagd in Italien konnte der Anteil der Verluste, die durch Wilderei verursacht wurden, fast halbiert werden. Während diese Rate im Zeitraum vor dem LIFE+ Projekt noch bei 60% lag, konnten diese Verluste in den vergangenen sechs Jahren auf 31% reduziert werden. Auch in Hinblick auf den generellen Artenschutz ist dies ist einer der großen Erfolge des Projekts.

Durch die Reduktion der Verluste durch illegale Jagd wurde Stromschlag zur primären Todesursache der Waldrappe. Durch Umwidmung von Geldmitteln konnten wir im Rahmen von zwei Pilotprojekten auch diesbezüglich schon Schutzmaßnahmen in den Brutgebieten Burghausen und Kuchl umsetzen. In Folge kam es in der vergangenen Saison in den betreffenden Gebieten zu keinen weiteren Fällen von Stromschlag mehr und es ist davon auszugehen, dass auch weitere Todesfälle bei anderen Großvögeln verhindert werden konnten.

Für jedes LIFE+ Projekt muss abschließend eine sozio-ökomische Bewertung durchgeführt werden. In unserem Fall erfolgte dies durch das unabhängige Expertenteam von EcosystemEvaluation. Die Ergebnisse der Studie liegen jetzt vor. Die Experten schreiben darin, dass das LIFE+ Projekt neben dem Erreichen der Zielsetzungen im Artenschutz auch vielfältige Erfolge in Bezug auf den sozio-ökonomischen Nutzen aufzuweisen hat, wovon verschiedene Interessengruppen direkt und indirekt profitierten.

Der unmittelbare touristische Nutzen wurde insbesondere für die Stadt Burghausen in Bayern bewertet. Die dort am Gelände der Burg brütende Waldrapp-Kolonie wird zunehmend zur touristischen Attraktion und zum Ziel des Ökotourismus. Die Experten schreiben, dass die Wiederansiedlung des Waldrapps in Burghausen das Thema Naturschutz und Artenschutz wesentlich stärker im Bewusstsein der Bevölkerung verankert, weitere Naturschutzmaßnahmen ausgelöst, die Arbeit der lokalen Naturschutzgruppen gestärkt und den Ökotourismus vor Ort gefördert hat.

Aufgrund ihrer Analysen schätzen die Autoren den ökonomischen Mehrwert, den der Tourismus in Burghausen durch die Waldrapp-Brutkolonie generiert, auf rund 72.000 Euro jährlich bzw. auf die gesamte sechsjährige Projektlaufzeit (2014-2019) bezogen annähernd eine halbe Million Euro. Zudem führen die Experten an, dass der tatsächliche Wert des Projekts für den regionalen Tourismus aufgrund der außergewöhnlich großen internationalen Medienpräsenz noch deutlich höher liegt als der berechnete Betrag. Sie gehen zudem davon aus, dass ähnlich positive Effekte auch an anderen Projektstandorten der Waldrappe gegeben sind beziehungsweise entstehen, aus aktueller Sicht insbesondere in den Brutgebieten Kuchl im Land Salzburg, Überlingen in Baden-Württemberg sowie im Wintergebiet WWF Oasi Laguna di Orbetello in der Toskana.

Hervorgehoben wird von den Experten auch der gesellschaftliche Nutzen, den unser Projekt durch die umfangreichen Maßnahmen gegen Umweltkriminalität generiert, im speziellen die illegale Vogeljagd in Südeuropa. Genauso stellen die Sicherungsmaßnahmen von Strommasten zur Vermeidung von Stromschlag einen erheblichen Mehrwert im Bereich des Natur- und Artenschutzes dar.

Als ungewöhnlich und extrem spannend bezeichnen die Autoren der Studie auch die umfassende internationale Öffentlichkeitsarbeit im Kontext des Projekts. Die Ergebnisse und wissenschaftlichen Erkenntnisse werden so Millionen von Menschen zugänglich. Die umfangreiche mediale Präsenz sehen die Autoren auch als große Chance, um den akuten Verlust der Artenvielfalt auf der Erde zu thematisieren.

Aktuell arbeiten wir an einem Antrag, um das erfolgreiche Projekt in einer zweiten LIFE Periode für den Zeitraum 2021-2027 fortzuführen. Parallel laufen die Vorbereitungen für die kommende Saison.